Gaudiburschen

Christoph Winder
10. April 2012, 12:42

Sprachliche Grenzgänge zwischen den Geschlechtern

Vor ein paar Tagen kam ich in der Schnellbahn neben zwei Lehrlingen aus dem Gastgewerbe zu sitzen, genauer: neben einer Lehrlingin und einem Lehrling. Die beiden unterhielten sich über Berufsprobleme, und im Lauf der Unterhaltung sagte der männliche Lehrling zum weiblichen: "Aans sog i da, Oida, beim (hier folgte der Name eines Gastgewerbebetriebs) hackl I sicher ned."

Interessant fand ich an dieser Gesprächspassage die Verwendung des Wortes "Oida". Dieses Wort diente ja ursprünglich zur Bezeichnung eines männlichen Subjektes, in der konkreten Situation schien es diese Bedeutung aber eingebüßt zu haben und nur mehr als eine Art geschlechtsneutrale Interjektion zu funktionieren.  

Andererseits gibt es durchaus auch das Phänomen, dass klassische Männer-Nomina von Frauen aktiv in Beschlag genommen werden. So las ich unlängst (leider habe ich die genaue Belegstelle verschlampt) in einer Zeitschrift, wie eine Gruppe lebenslustiger Damen (!) ihre Partytätigkeit so charakterisierte: "Wir sind halt richtige Gaudiburschen (!)".

In diese Kategorie zählt wahrscheinlich auch der englische "Guy": In der gloriosen Filmkomödie "Bridesmaids" konnte man mehrfach hören, wie die titelgebenden Damen sich selbst als "Guys" bezeichneten bzw. ansprachen. Angesichts einer solch liberalen Handhabung von Nomen, die man relativ eindeutig einem einzigen Geschlecht zugeteilt glaubte, würde ich nicht einmal mehr die Existenz von Männergruppen ausschließen,  in denen man sich wechselseitig mit "Hallo Mädels" apostrophiert.

Leider habe ich wegen erheblichen vorösterlichen Stresses nicht die Muße, dieses Thema in seine Finessen weiterzudenken. Ich vertraue aber blindlings auf die Schwarmintelligenz der p.t. Leser- und Leserinnenschaft, die sicher Erhellendes über sprachliche Grenzgänge zwischen den Geschlechtern beizusteuern haben wird.

Von Christoph Winder
Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.
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