Je schlechter die Kunst, desto besser

Stefan Gmünder
4. April 2012, 18:19
Hauptsache man singt: Dubravka Ugresics Essayband "Karaokekultur"

Wien - Ein Jahr nachdem die Schriftstellerin Dubravka Ugresic Kroatien endgültig verließ - sie hatte im publizistischen Kriegsgetümmel Farbe bekannt, sich gegen den Nationalismus aller Seiten verwehrt und war anschließend aus der Zagreber Uni gemobbt und in den Medien als Hexe, "Jugonostalgikerin" und "Tschetnikhure" diffamiert worden - lernte sie 1994 in Berlin Ryszard Kapuscinski kennen.

Um auf seine Frage, warum sie Kroatien verlassen hätte, nicht die ewig gleiche Geschichte herunterbeten zu müssen, antwortete sie dem polnischen Schriftsteller mit einer Gegenfrage. Ob er Andrzey Wajdas Film Ohne Betäubung kenne, in dem ein Journalist eines Tages in seinem Büro keine ausländischen Zeitungen mehr bekomme und dann seine Arbeit, die Frau, schließlich alles verliere? "Ich erinnere mich", sagte Kapuscinski. "Jener Journalist war ich".

Die mit zahlreichen Preisen (u. a. dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur) ausgezeichnete Dubravka Ugresic schildert diese Episode unter dem Titel "Eine Frage der Optik" in ihrem neuen Essayband Karaokekultur (Berlin Verlag). Eine Frage der Perspektive war und ist nicht nur der Balkankrieg, um den es in besagtem Essay auch geht. Denn in allen der fast drei Dutzend Texte des Bandes spielt verzerrte Wahrnehmung, das Wegbrechen verbindlicher Rahmenbedingungen, die Auflösung scheinbar selbstverständlicher Grenzen und die Verwechslung eine Rolle.

Eine der übleren Verwechslungen ist jene von sich selbst mit jemand anderem, bevorzugt einem Star. Mit dieser Selbstverwechslung und dem Internet, dem größten "Pulverfass, das über der ewig lodernden Flamme unserer Fantasie ausgeleert wurde", befasst sich die 1949 geborene Autorin im geschlossensten, etwas mehr als hundert Seiten umfassenden titelgebenden Essay "Karaokekultur".

Handyromane

"Kulturkritiker", schreibt Ugresic da, "sind Leute, für die zum Beispiel das Tätowieren mehr als Mode ist. Offensichtlich gehöre auch ich zu dieser (...) Berufsgruppe, denn ich bin bereit, in Karaoke mehr zu sehen als das unbegabte Jaulen etwa zu der Melodie I Will Survive, Karaoke fördert weniger die demokratische Vorstellung, dass jeder alles kann, wenn er nur will, als die demokratische Praxis, in der jeder will, wenn er nur kann."

Ausgehend vom in den 1970er-Jahren erfundenen Karaoke, schlägt die Autorin den Bogen zu den meist anonymen Doppelrollen, die im Internet eingenommen werden. Für Ugresic, die über einen wachen Blick für Alltägliches verfügt und es versteht, Bilder und Gesehenes für den Leser zum Sprechen zu bringen, ist das Internet eine Art "Megakaraoke", in der sich Millionen ans Mikrofon drängen, um ihre Version eines Liedes vorzutragen: "Wessen Liedes? Das ist unwichtig: (...). Hauptsache man singt".

Im ewigen Jetzt des Netzes ließe sich Exhibitionismus und das neurotische Bedürfnis einer Person, auf der "gleichgültigen Oberfläche" dieser Welt eine Spur zu hinterlassen, trefflich verwirklichen, so Ugresic. Das klingt weder neu noch besonders spannend. Interessant wird der Essay hingegen dort, wo die in den Niederlanden lebende "fliegende Holländerin" den vermeintlich toten Totalitarismus mit der heutigen totalisierenden Freiheit gegenschneidet und sich Gedanken über einen Amateurismus macht, der nicht nur in der Kunst die Spezialisierung verdrängt.

Längere Passagen sind in diesem Zusammenhang von Internet-Kollektiven in den USA verfassten Romanen sowie Handyromanen, die in Japan millionenfach verkauft werden, gewidmet. Wie in ihren früheren Essaybänden Lesen verboten oder Die Kultur der Lüge über den Balkankrieg, zeigt sich die Autorin auch in Karaokekultur streitbar.

Es mag heute altmodisch sein, sich über eine Epoche zu beklagen, in der für Kunst keine verbindlichen Kriterien mehr bestehen und "alle bestrebt sind, gehört zu werden, statt zuzuhören, gesehen zu werden, statt zu schauen, gelesen zu werden, statt zu lesen", Ugresic beschwert sich trotzdem. Das Thema Selbstdarstellung zieht sich, ob es um von Rucksäcken besetzte Plätze in der vollen U-Bahn, das Angerempeltwerden auf dem Gehsteig oder Alte Garden, die nach Kroatien zurückkehren, geht, in vielen Ausprägungen durch diese zwischen 2007 bis 2011 geschriebenen Essays, in denen man auch das Wort Anstand findet.

Den von Walter Benjamin geprägten Terminus von der "Aura" des Kunstwerks vermeidet Ugresic, obwohl es in ihren Texten oft um das Verhältnis von Schöpfung und Plagiat geht. Sie hält es mit Joseph Brodsky - und zitiert aus dessen Band Der sterbliche Dichter: "Von außen gesehen ist Kreativität Objekt von Faszination; von innen gesehen eine endlose Übung in Ungewissheit und eine enorme Schulung in Unsicherheit." (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 5.4.2012)

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