Erbarmen sogar mit dem Massenmörder

Ronald Pohl
4. April 2012, 17:30
Simon McBurneys Inszenierung von Bulgakows "The Master and Margarita" erzählt einen verwirrenden Roman mit bestrickender Leichtigkeit: heute in London, bald im Rahmen der Festwochen in der Wiener Burg

Auf die Millionenstadt Moskau, in der Michail Bulgakows Roman "Meister und Margarita" angesiedelt ist, fällt man kopfüber hinein. Aus der Höhe eines Satelliten zoomt sich der Teufel in rasender Kamerafahrt auf das Areal der Patriarchenteiche hinunter. Man schreibt das Jahr 1939: Stalin hat das sowjetische Riesenreich mit Wellen des Terrors überzogen, mediokre Literaturfunktionäre plaudern auf der Parkbank ungezwungen über die dreiste Erfindung einer dubiosen Figur namens Jesus Christus.

Der Tenor des spitzbärtigen Verbandsleiters Berlioz (Clive Mendus) lautet: Jesus gab es nicht, Übersinnliches könne es überhaupt gar nicht geben. Simon McBurneys furiose Bearbeitung des Bulgakow-Buches muss als glatte Widerlegung solcher kleinlichen Einwände gelten. Die Master-and-Margarita-Adaption seines Theaters Complicite bringt die tristen Moskauer Verhältnisse federleicht zum Tanzen. Die Gruppenarbeit, zur Zeit im Londoner Barbican Center zu sehen, wird ab 2. Juni im Rahmen der Wiener Festwochen zu bestaunen sein.

McBurney, dessen Karriere über BBC-Fernsehen und Hollywood-Kino immer wieder zurück ins Theater führt, hält sich und seine 16 Schauspieler nicht mit unnötigen Erläuterungen auf. Eine triste Fensterfront bildet die höchst praktikable Kulisse für das ineinander verzahnte Geschehen (Bühne: Es Devlin). Der "Meister" (Paul Rhys), Schöpfer eines apokryphen Evangeliums, hat die Flucht in die Irrenanstalt angetreten. Ein Metallbett, an den Rand eines mit Lichtbalken verzeichneten Gevierts gestellt, reicht tatsächlich aus, das Tonnengewicht der Angst zu veranschaulichen.

Der Dichter Bulgakow (1891-1940) war unter den zeitweiligen Parteigängern des Bolschewismus einer der begabtesten. Eine bürgerliche Gestalt, die mit der Dramatisierung der eigenen Familiengeschichte ausgerechnet in Stalin ihren glühendsten Verehrer fand. Nicht weniger als zwölf Mal besuchte der georgische Massenmörder die Vorstellung von "Die Tage der Turbins" im Moskauer Stanislawski-Theater.

Die Knospe von Stalins Literaturliebe welkte 1929 recht abrupt, als Bulgakows Werk als "antisowjetisch" gebrandmarkt wurde. Bulgakows Meister-Buch ist ein bis an die äußersten Grenzen der Vorstellungskraft getriebenes Vexierspiel. Die Jesus-Kapitel aus dem Werk des "Masters" bilden das Gerüst eines Romans, in dem der Teufel mit zähnebleckendem Gefolge das atheistische Moskau heimsucht. Es ist ein himmelschreiendes Chaos, in das Monsieur Woland die braven Moskauer stürzt. Der Funktionär Berlioz verliert buchstäblich seinen Kopf - auf der Bühne des Barbican wird eine Wassermelone gespalten. Der Zeuge des mysteriösen Unfalls landet im Irrenhaus - eine Stellwand mit Milchgläsern ersetzt das Klinikum. Auf einer Moskauer Varietébühne verhöhnt die Katze Behemoth mit rotglühenden Augen das staatliche Amüsiergesindel.

Immerzu herrscht auf der Bühne ein lustvolles Gewühle. Den totalitären Alltag haben McBurney und sein Team als mechanistische Choreografie erarbeitet. In dieser zeigt ein Stöckchen ein unsichtbares Fenster an. Blaues Licht, das durch die Häuserscharten bricht, bezeichnet die Dämmerung in Palästina.

Jesu Frohbotschaft

Dort bekommt Pontius Pilatus (Tim McMullan) als Autokrat in Stalins weißer Diktatorenjacke von einem klapperdürren, splitternackten Sonderling (Cesar Sarachu) die Frohbotschaft gepredigt. Jesus muss für seine Freimütigkeit den Kreuzestod sterben: ein karges, wüstes, an Giacometti gemahnendes Bild, in dem die Fliegen bedrohlich schwärmen.

Man muss Bulgakows Roman mit seinen schwindelerregenden Schauplatzwechseln nicht gelesen haben, um McBurneys verblüffende Kunst begierig aufzusaugen. Die resolute Margarita (Sinéad Matthews) springt für ihren in der Irrenanstalt verräumten "Meister" ein. Ihr Teufelspakt verhilft ihr zu einem splitternackten Ritt durch die Lüfte.

Der Meister erhält sein angeblich verbranntes Romanmanukript vom Teufel höchstpersönlich zurückerstattet ("Manuscripts don't burn!"). Den berührendsten Moment aber hat sich McBurney für den Schluss aufgehoben: Woland, der Höllenfürst, legt seinen Mantel ab. Jesus kommt zum Vorschein und zieht den von Gewissensbissen übel zugerichteten Pilatus zu sich herunter. "Mercy" lautet das Schlüsselwort einer Meisterinszenierung, die den Stalinismus als Markierung gebraucht, um über unsere heutige Gesellschaft Dringliches zu erzählen. (Ronald Pohl aus London, DER STANDARD, 5.4.2012)

 

 2. bis 4. 6., Burgtheater

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