Wieder Razzia gegen Islamisten

Stefan Brändle aus Paris
4. April 2012, 16:59
Polizei verhaftet weitere zehn Verdächtige - Opposition kritisiert Einsatz vor der Wahl

Beim zweiten Großeinsatz der Polizei in drei Tagen wurden zehn mutmaßliche Islamisten im ganzen Land verhaftet. Innenminister Claude Guéant erklärte, die Regierung werde nach der Ermordung jüdischer Schulkinder, eines Rabbis und mehrerer Soldaten in Toulouse durch Mohamed Merah weiter Druck auf Islamistenkreise machen.

Der Minister, ein enger Vertraute von Nicolas Sarkozy, schloss zwar einen direkten Zusammenhang zur Affäre Merah aus; ein Polizeisprecher meinte hingegen, dass die Festgenommenen "ein Profil à la Mohamed Merah" hätten: "Es sind isolierte Leute, die sich selbst radikalisiert haben." Mehrere Verhaftete hätten Einzelreisen nach Afghanistan, Pakistan oder in die Südsahara geplant.

Am Montag hatte die Polizei bereits 19 Salafisten festgenommen, darunter Mohammed Achamlane, den Anführer der radikalen Vereinigung Forsane Alizza ("Reiter des Stolzes"). Diese wird verdächtigt, mehrere Entführungen unter anderem jüdischer Bürger geplant zu haben. Eine der Zielscheiben war der Untersuchungsrichter Albert Lévy. Dieser hatte 2010 gegen einen 49-jährigen Algerier ermittelt, der seine fünf Kinder in seiner verdunkelten Wohnung jahrelang eingeschlossen hielt. Der Mann pflegte Kontakte zu den "Reitern des Stolzes".

Der Zentrumspolitiker und Präsidentschaftskandidat François Bayrou warf dem Sarkozy-Lager am Mittwoch vor, die Polizeieinsätze zweieinhalb Wochen vor den Präsidentschaftswahlen zu instrumentalisieren. Journalisten verfolgten die Operation, Fernsehstationen konnten die Szenen filmen, da die Polizei das Gebiet nicht großräumig gesperrt hatte.

Der sozialistische Spitzenkandidat François Hollande erklärte, er habe an der Razzia selbst nichts auszusetzen; man hätte aber "vielleicht vorher mehr machen müssen", meinte er. Mit der vorsichtigen Kritik wollte er dem Vorwurf des Sarkozy-Lagers zuvorkommen, die Linke schließe die Augen vor der Islamistengefahr. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 5.4.2012)

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