Geschichte mit Bart

6. April 2012, 06:15
In Fiberglaskutschen mit Solarzellen galoppieren die Amish durch Indiana. Eine Stippvisite

Galopp am Horizont. Mit Karacho nähert sich die Pferdekutsche, rauscht mit einem sportlichen Klackern vorbei und verschwindet wieder. Mit einem altmodischen Buggy, wie man ihn aus unzähligen US-amerikanischen Amish-Spielfilmen kennt, hat das schwarze Gespann nicht viel gemein. "Ja, unsere Buggys sind toll, oder?" Steven Yoder, 46 Jahre alt und Vater von fünf Kindern, hat ein schelmisches Grinsen im Gesicht. Spitz und frech wandern hinter seinem Rauschebart die Mundwinkel nach oben, hochgezogene Augenbrauen, der Zeigefinger im Himmel. "Wir sind nicht so altmodisch, wie alle glauben. Nur weil wir uns für ein einfaches Leben im Geiste von Gott und Familie entschieden haben, heißt das ja noch lange nicht, dass wir hinterm Mond wohnen."

Yoder winkt herbei, ganz so, als wolle er einem ein streng gehütetes Geheimnis anvertrauen. "Schau einmal, das ist das neueste Modell am Markt, wird bei uns in der Gegend produziert. Ein Dachwägle für vier Personen, 9000 Dollar mit allem Drum und Dran." Stolz öffnet er die Türe, schaltet die Vorder- und Rückscheinwerfer ein und klopft gegen die Karosserie. Überraschend leichter Klang. "Alles Fiberglas! Das ist zwar teurer, aber dafür müssen die Gaule nicht so viel schleppen wie bei einer normalen Kutsche. 150 Kilogramm Leergewicht. Und oben auf dem Dach gibt es Fotovoltaik-Zellen für die LED-Lampen. Was will man mehr?"

Schnelles Wachstum

Die Amish in Nappanee, Indiana, zählen zu den liberalsten Amish-Gemeinden der USA. Hoch im Norden des Bundesstaates, rund hundert Kilometer östlich des Michigan-Sees, da, wo der Weizen so golden wie die Morgensonne und der Mais so hoch wie ein Einfamilienhaus stehen, leben rund 20.000 Menschen, die der Glaubensrichtung der Anabaptisten angehören.

Nachdem sie sich im 17. Jahrhundert von den Mennoniten abgespaltet hatten, wurden sie in ihrer Heimat in der Schweiz, in Süddeutschland und im Elsass verfolgt und hingerichtet. Die letzten paar hundert Amish wanderten daraufhin nach Nordamerika aus. Die meisten landeten in Pennsylvania, manche davon zogen weiter nach Ohio und Indiana. Mit rund 250.000 Mitgliedern zählt die Community heute zu den schnellstwachsenden Religionsgruppen der USA, Tendenz steigend.

Gottes Haus ist eine Scheune

"Ja, ja, später erzähle ich dir noch mehr, aber jetzt muss ich mich beeilen. Das Gebet fängt gleich an." Yoder betritt seine Scheune, in der bereits 30 Familien in ihren feinen Sonntagsstoffen und weißen, gestärkten Capes Platz genommen haben, zieht den Hut vom Kopf und steckt ihn zu den anderen siebzig, achtzig Männerhüten ins Regal. Kirchen gibt es im Amish-Land nicht. Zu nobel, zu protzig, zu aufwändig. Stattdessen wird die Scheune für einen Tag der Woche abwechselnd umfunktioniert und temporär mit Stühlen und Bänken bestückt. Mal die der Yoders, mal die der Hochstetlers, mal die der Millers.

Kein Wunder, dass die Rushhour am Tag des Herrn am wildesten ist. Hunderte Familien galoppieren mit ihren modernen Dachwägles übers Land und sorgen so dafür, dass die Gemeinschaft regelmäßig zusammentrifft, dass jedes einzelne Mitglied mal Gast und mal Gastgeber ist. Auf den meisten Highways und Interstates rund um Nappanee, Goshen und Shipshewana gibt es eigene Fahrstreifen für Buggys. Autounfälle mit den Pick-ups und Vans der ganz normalen, in der Gegenwart lebenden Amerikaner sollen auf diese Weise reduziert werden.

Stille in der Scheune. Das Gebet fängt an. Kein Klavier, keine Blockflöte, kein Gitarrenklang. Drei Stunden lang wird gebetet, aus der Bibel gelesen und gesungen. Statt auf einen Altar zu blicken, wird das Scheunentor geöffnet, und man sieht hinaus auf Weizenland und Himmel. Obwohl die Amish stolz darauf sind, aus Respekt ihren Vorfahren gegenüber immer noch Deutsch zu sprechen, ist nach 300 Jahren linguistischer Isolation nicht viel zu verstehen. Am ehesten erinnert das Pennsylvania-Deutsch an eine durchamerikanisierte Mischung aus Schwyzerdütsch und Jiddisch.

Schwarz, weiß, süß, sauer

"Es Leba isch eenfach, oba schee", sagt Yoder in einem Gebet kurz vor Ende. "So kenne ma verbunne si med unschre Voreldre und yetz nau so leba, yust far sie schunn demalsch g'leba hen. Denke em Herr." Die Traditionen der Ahnen, der sogenannten Voreltern, aufrechtzuerhalten ist neben dem göttlichen Gehorsam und dem Leben in Autarkie und technischer Unabhängigkeit das wichtigste Prinzip der Amish. Nicht nur die Kleidung, nicht nur die Pferdekutschen, sondern auch die Häuser ohne fließendes Wasser und ohne "Leckdrick", also ohne Elektrizität, sollen daran erinnern.

Nach der Messe wird zur Agape geladen. Die Gastgeberinnen servieren Brot, Marshmallow-Creme, Butter (Burro), Apfelmarmelade (Abbelburro), eingelegte Rote Beete (Rotriebe) und gekochten Kukuruz (Weleschken). Dazu gibt es Lutbeg, selbstgemachten Cidre. Die Mischung aus süß und sauer ist gewöhnungsbedürftig, und so richtig scheint die Mahlzeit niemanden zu begeistern. "Isch eenfach, oba es mech sadd", sagt Laureen Beachy. Die schwarze Haube, die ihr Haar bedeckt, signalisiert, dass sie aus der Nachbargemeinde dazugestoßen ist. Alle anderen Frauen tragen Weiß. "Ja, wir kommen aus Shipshewana, das ist circa 30 Meilen nordöstlich von hier. Aber bei dem heißen Wetter reitet es sich nicht gut, da werden die Gaule grantig. Wir sind mit dem Taxi gekommen, das geht schneller. Jetzt schaust aber, was!"

Das moderne Leben

In Nappanee, so scheint es, geht es mehr um den Willen als ums Prinzip. "Wir haben unsere Vorschriften, aber niemand braucht sich zu verbiegen", erklärt Steven Yoder. Und zeigt die neuesten Errungenschaften im Haus: einen Kühlschrank mit Gaskompressor, eine elektrisch betriebene Waschmaschine, die der Ältestenrat bewilligt hat, weil seine Ehefrau unter einem dreifachen Bandscheibenvorfall leidet, und vorne an der Straße steht ein Hütterl mitsamt Dieselgenerator. "Das ist unser Gemeinschaftshaus mit Telefon, Fax und Computer. Die Brieftauben sind halt auch nicht mehr das, was sie einmal waren."

Am Nachmittag sitzen die Yoders mit ihren Freunden und Verwandten unter dem großen Baum, trinken Kamilleneistee und essen frisch gepufften Popcorn. Sonntagsparty nennt sich der Tagesausklang. Abe Borkholder, einer der Eldeschen, der Kirchenältesten in der Gemeinde, späht hinüber zum knallroten Mietauto, das vor dem Haus steht. "Mehr als ein PS, was? Können wir mal eine kleine Spritztour drehen, Fremdling?" (Wojciech Czaja/DER STANDARD/Rondo/6.4.2012)

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