Polizist warf Fundsachen weg und belastete Kollegen: Verurteilt

6. April 2012, 13:31
Richter: "Wie kommt man dazu, einen Kollegen so hineinzureiten?"

Wien - Gerichtliches Nachspiel für einen 27-jährigen Polizisten, dem im Zuge eines Einbruchsdiebstahls abhandengekommene Gegenstände übergeben worden waren, die er einfach im Müll "entsorgte", statt sie der bestohlenen Besitzerin zurückzugeben. Als sich der Finder, der den Reisepass, das Brillenetui und die Geldbörse am Donaukanal entdeckt hatte, bei der Polizei nach dem Verbleib der Gegenstände erkundigte, behauptete der Angeklagte, diese einem Kollegen ausgehändigt zu haben, der sich offenbar nicht weiter darum gekümmert hätte.

"Wie kommt man dazu, einen Kollegen so hineinzureiten?", fragte sich nun Richter Peter Liebetreu im Wiener Straflandesgericht. Da der fälschlicherweise angeschwärzte Polizist nicht erklären hatte können, wo der Pass geblieben war, waren gegen ihn ein Straf- und ein Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Erst nach einigen Monaten stellte sich heraus, dass gegen einen Schuldlosen ermittelt wurde.

"Es war ein komplettes Blackout. Ich weiß, dass es der größte Fehler war. Die ganze Sache ist so in einen Strudel hineingeraten und hat eine Eigendynamik bekommen", sagte nun der wahre Täter kleinlaut.

Pass "total verdreckt"

Einer Frau waren im Mai 2010 bei einem Pkw-Einbruch Reisepass, Börse und das Etui gestohlen worden. Kurz darauf hatte ein Mann die gefundenen Gegenstände auf einer Wachstube abgegeben. Der 27-jährige Beamte forderte den Finder auf, diese in die nächst gelegene Fundbox zu bringen, was der Mann mit dem Hinweis auf die ihm dafür nicht zur Verfügung stehende Zeit ablehnte. Also blieben  die Gegenstände vorerst am Schreibtisch des Polizisten liegen.

Am nächsten Morgen warf er die Sachen kurzerhand in den Mülleimer. Der Pass sei "total verdreckt" gewesen, führte er nun ins Treffen. Er habe nach einem Zwölf-Stunden-Dienst eine Kurzschlusshandlung gesetzt.

Kollege aus demselben Wachzimmer

Zum Pech des 27-Jährigen tauchte wenig später wieder der Finder auf und erkundigte sich, ob der Reisepass seinen rechtmäßigen Besitzer gefunden habe. Inzwischen hatte auch die bestohlene Frau eine Diebstahlsanzeige erstattet. Um sich zu retten, belastete der Uniformierte in dieser Situation einen Kollegen, mit dem er seit Jahren im selben Wachzimmer Dienst versah. "Mich hat das erschüttert, wie ich das das erste Mal gelesen habe", bemerkte dazu der Richter.

Der Angeklagte wurde wegen dauernder Sachentziehung, Urkundenunterdrückung, Verleumdung und Falschaussage zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Ob es für den inzwischen an eine andere Dienststelle versetzten Beamten auch berufliche Konsequenzen geben wird, entscheiden die Disziplinarbehörden.

"Haben Sie sich eigentlich bei dem Kollegen entschuldigt?", wollte der Richter noch von dem 27-Jährigen wissen. "Ich habe ihn seither nicht mehr gesehen", erwiderte dieser. Auf ein entrüstetes Kopfschütteln des Richters hin fügte er hinzu: "Ich bin nicht dazu gekommen. Weil ich Angst hab', was ich ihm sagen soll." (APA, 6.4.2012)

Wien

mehr