Grass-Kontroverse: Juden im Visier

Kolumne | Paul Lendvai
9. April 2012, 18:27

Das wirklich Beunruhigende spielt sich in der anonymen Welt der Poster und Leserkommentare ab

Ein Gedicht des deutschen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass gegen die geplante Lieferung eines weiteren deutschen U-Bootes an die "den Weltfrieden gefährdende Atommacht Israel" hat weltweite Diskussionen ausgelöst. "Beifall für Grass kommt von der radikalen Linken, der radikalen Rechten und aus dem Iran", schrieb die "Welt", aber die wichtigsten Publikationen Deutschlands haben "einen Cordon des Anstandes gegen Grass gebildet."

Zu Recht wies aber der Leitartikler, Clemens Wergin (wie übrigens auch Christian Ultsch in der "Presse"), darauf hin, dass sich das wirklich Beunruhigende in der anonymen Welt der Poster und Leserkommentaren abspielt. Der Hass auf Israel und auf Juden allgemein in den Spalten der Nachrichten-Websites zeigt die breite Aufnahmebereitschaft für den "befreienden Tabubruch" (so ein der Sprecher der rechtsradikalen NPD), für den "gelungenen tödlichen lyrischen Schlag gegen Israel" (Iran TV).

Abgesehen von der Verniedlichung der wiederholten iranischen Drohungen zur Auslöschung Israels und der Behauptung, schuld sei an allem Israel als "Verursacher der erkennbaren Gefahr", haben noch zwei Faktoren besondere Empörung in den meisten Medien ausgelöst. Erstens brauchte Grass, der Bundeskanzler Kohl und SPD-Minister Karl Schiller wegen mangelnder Vergangenheitsbewältigung seinerseits scharf angegriffen hatte, 60 Jahre, bis ihm in seinen Memoiren 2006 eingefallen war, dass er selbst als 17-Jähriger kurz bei der Waffen-SS gedient hatte. Zweitens empfand er damals Fragen, warum er diese Information sechs Jahrzehnte lang für sich behalten hatte, als Zumutung, so wie er sich heute selbst angesichts der allgemeinen Kritik als größtes Opfer einer "Kampagne gleichgeschalteter Medien" stilisiert.

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der am 27. Jänner, dem Holocaust-Gedenktag, als Überlebender im deutschen Bundestag gesprochen hat, kritisierte scharf das "ekelhafte, politisch und literarisch wertlose Gedicht", das die Welt auf den Kopf stelle: "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil." Das Gedicht sei ein geplanter Schlag nicht nur gegen den "Judenstaat", sondern gegen alle Juden. Grass spiele gezielt auf antisemitische Neigungen in Teilen der Bevölkerung an. Darum mache ihm das Gedicht auch Angst, sagte Reich-Ranicki.

Noch mehr Grund zur Angst dürfte allerdings die auf 100.000 geschätzte jüdische Gemeinde in Ungarn haben. Ein Abgeordneter der rechtsradikalen Jobbik-Partei, Zsolt Baráth, hat am vergangenen Dienstag im ungarischen Parlament den 130. Jahrestag des berüchtigten Ritualmordprozesses von Tiszaeszlár für eine antisemitische Hetzrede benützt. Damals (1882) hatten Ministerpräsident Kálmán Tisza, der greise Graf Gyula Andrássy und der Freiheitsheld der 1848er-Revolution, Lajos Kossuth, aus der Emigration die antisemitische Agitation am schärfsten verurteilt. "Le Monde" bezeichnete den skandalösen Vorfall als beispiellos im Parlament eines EU-Staates. Abgesehen von einer kurzen Replik des Staatssekretärs Janos Fonagy, hüllt sich Ministerpräsident Viktor Orbán, zumindest bisher, in Schweigen. (Paul Lendvai, DER STANDARD, 10.4.2012)