Sexismus-Debatte: Soziale Intelligenz gefragt

Kommentar |
27. Jänner 2013, 18:14

So mancher Mann sollte sein Ego ein klein wenig schrumpfen

Aufschrei beschreibt nicht annähernd, was seit dem "Stern"-Artikel über den FDP-Spitzenkandidaten und "Herrenwitz"-Politiker Rainer Brüderle stattfindet: Dieser Sturm der Entrüstungen von Frauen über selbst Erlebtes in Sachen Sexismus übertrifft wohl die wildesten Erwartungen der Autorin und der Redaktion.

Auch in Österreich wurde das Thema rasch aufgegriffen. Einige Diskutantinnen meinten freilich, Herrenwitz-Sexismus sei tendenziell eher im Repertoire von Männern im Großväter-Alter zu finden. In den jüngeren Generationen pflege man einen korrekteren Umgang miteinander. Dem ist leider entschieden zu widersprechen. Auch hierzulande wurde schon über eine Fernsehjournalistin das bösartige Gerücht gestreut, sie habe ein Verhältnis mit einem Spitzenpolitiker und komme wohl so zu ihren Informationen - und die Herren, die das Gerücht streuten, gingen keineswegs auf die 70 zu. Eine Print-Kollegin sah sich kürzlich nach einer Parteiveranstaltung mit eindeutig zweideutigen SMS-Nachrichten konfrontiert - der Absender war ein in der Blüte seiner Politkarriere stehender Mittvierziger.

Das alles und noch viel mehr passiert - und beileibe nicht nur im Spannungsfeld zwischen Politik und Journalismus. Das Muster ist immer dasselbe: Männer, die sich etabliert, erfolgreich und ergo unwiderstehlich fühlen, überschreiten Grenzen, indem sie Frauen auf ihr Äußeres reduzieren, anzüglich werden, körperlich zudringlich - oder sie schlicht nicht ausreden lassen, verniedlichen, abwerten. Die betroffenen Frauen sind meist gerade dabei, sich beruflich zu festigen, und haben dabei als allererste Lektion gelernt, dass sie hart im Nehmen sein müssen. Das führt tatsächlich oft dazu, dass Frauen eine Zeit lang brauchen, bis sie sich selbst den Übergriff eingestehen und ihn auch als solchen benennen.

Einige Brüderle-Verteidiger argumentierten, wenn es die Frauen so genau nähmen mit dummen Sprüchen, bedeute dies das Ende jeglicher lockerer, ungezwungener Unterhaltung zwischen den Geschlechtern.

Das ist Unsinn: Der Flirt im Büro und auf der Weihnachtsfeier bleibt ein Flirt, wenn Mann und Frau gleichermaßen darauf einsteigen und einander auf Augenhöhe begegnen. So mancher Mann sollte dabei freilich sein Ego ein klein wenig schrumpfen und sich wirklich für sein Gegenüber interessieren. Dann wird er nämlich schnell feststellen, ob und wie er wirklich ankommt. (Petra Stuiber, DER STANDARD, 28.1.2013)