Brausen statt baden

28. Mai 2013, 17:13

Wer denkt, dass die Waschgewohnheiten nur eine persönliche Entscheidung sind, irrt. Über Sauberkeitsriten, Dusch- und Badegewohnheiten

Es gibt einfache Fragen mit vielen möglichen Antworten. Bei einem Ausflug in die Körperhygiene lässt sich das gut demonstrieren. Duschen oder baden? Oft oder selten? Abends oder morgens? Heiß oder kalt? Ruck, zuck oder ausgiebig? Alleine oder zu zweit? Singend oder stumm? Seife oder Schaum? Über solche Fragenkataloge können Menschen bei der Anbahnung von Beziehungen näherer Art sehr schnell austesten, ob die Chemie auch längerfristig stimmen wird. Denn nur so viel vorneweg: In Waschgewohnheiten spiegeln sich Körperwahrnehmung, Generation und kultureller Background in einzigartiger Weise wieder.

Duschen zum Beispiel ist ein Import aus den USA, historisch betrachtet wurde in Europa bis vor 70 Jahren traditionellerweise eher gebadet. In den 30-er Jahren des 20. Jahrhunderts gab es in New York bereits in 90 Prozent aller Wohnungen eine Dusche, in Italien hatten nur 10 Prozent überhaupt ein Bad. Mittlerweile haben sich Badezimmer, Warmwasser und Duschköpfe aller Art durchgesetzt und wer sich heute zum Mainstream des westlichen Lebensstils zählen will, der duscht 8,7 Minuten täglich und verbraucht dabei rund 15 Liter Wasser in der Minute. Einschlägige Studien attestieren den Duschern im Vergleich zu den Verfechtern des Vollbads trotzdem eine bessere Ökobilanz.

Duschstile

Allein: Es kommt auf den Duschstil an. Der kanadische Psychologe Steven Schachter hat fünf Duschprofile auf Basis von Charaktereigenschaften erstellt. Der Draufgänger-Typ ("go-getter") duscht kurz und effizient und sieht es als Punkt in der Tagesordnung. Der geheime Exhibitionist ("closet-exhibitionist") sieht in der Dusche einen Ort der Befreiung von inneren Zwängen und nutzt die Zeit zur persönlichen Selbstverwirklichung. Der Langsam-Starter ("slow-starter") wiederum begreift Duschen als eine Aufwachfunktion ähnlich wie eine Tasse Kaffee in der Früh, im Gegensatz zum Fluchtkünstler ("escape-artist"), der Duschen dafür nutzt, seine Gedanken auf Null herunterzufahren. Der Träumer ("dreamer") wiederum findet unter rinnendem Wasser Entspannung und Inspiration. Zu letzteren zählt Woody Allen, ein bekennender Duscher, der seinem Biografen Eric Lax verriet: "Duschen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen." Immer wenn er beim Schreiben seiner Drehbücher nicht weiter wisse, ließe er einfach  warmes Wasser über seinen Körper rinnen und habe dann eine Inspiration. Apropos. Laut einer Umfrage der amerikanischen Kosmetikfirma Olay denken 57 Prozent aller Männer – Überraschung  - beim Duschen an Sex, 55 Prozent aller Frauen an Hausarbeit, 54 Prozent an ihr Körpergewicht oder an Fitness.

Wer den Badegewohnheiten historisch auf den Grund gehen will, dem sei Katherine Ashenburgs Buch "Dirt on Clean – an unsanatized history" ans Herz gelegt, denn dort lässt sich auch die religiöse Komponente des Waschens nachlesen. Etwa die Geschichte der Heiligen Paula von Rom (347 – 404), die gesagt haben soll, dass "ein sauberer Körper und ein sauberes Kleid eine unsaubere Seele bedeuten", weil beim Baden und Umziehen die Gefahr bestünde, den eigenen Körper zu sehen. Das christliche Mittelalter bezeichnet Ashenburg als dreckigstes Jahrhundert der Geschichte. So blieben die spanischen Christen lange Zeit bewusst ungewaschen, um sich möglichst deutlich von den Muslimen abzugrenzen, die für ihre Sauberkeitskultur berühmt waren. Öffentliche Badehäuser für Christen galten zudem oft als Orte zwielichtigen Vergnügens.

Erst die Cholera brachte die Einsicht, wie wichtig Körperhygiene für die Gesundheit der Menschen ist. 1846 wurde die Errichtung von Badehäusern in England per Gesetz erlassen. Vielleicht auch als späte Reaktion zur Abgrenzung zu den Franzosen. Ludwig der XIV., ein bekennender Nicht-Wascher, war europaweit für seinen beißenden Geruch berühmt. Napoleon wiederum badete täglich mit seiner Frau Joséphine. Legendär ist sein Brief von der Rückkehr von einem Feldzug: "Morgenabend bin ich in Paris, bitte bade bis dahin nicht".

Dass warmes Wasser Menschen verweichlicht und ein Grund dafür war, warum das Römische Reich einst unterging, war eine Theorie, die europäischen Historiker im 18. Jahrhundert aufbrachten. Demnach befürworteten sie kalte Waschungen, um nicht dem dekadenten Lebensstil zu verfallen.

Hygiene-Kult

Mit zunehmendem Wissen um Bakterien und ihre krankheitsauslösende Macht, waren solche Mythen dann aber irgendwann passé. Der richtige Hygiene-Kult entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts allerdings in den USA, wo sich tägliches Duschen als Abgrenzung zum schmuddligen Europa als wahres Muss etablierte. Bis heute ist Amerika beim Duschen Spitzenreiter, mehr als ein Viertel der Einfamilienhäuser verfügt über mehr als ein Bad. (Karin Pollack, derStandard.at, 28.5.2013)