Foto: Christoph Ruhsam

Abenteuer Grönland, I: Expedition ins Innere

25. November 2013, 07:33

In drei Teilen erzählt Leser Christoph Ruhsam von seiner Reise nach Grönland in den 1990er-Jahren. Der erste Teil berichtet von Planung und Visionen

Der Helikopter zog eine Schleife, um eine mögliche Landestelle zu sichten. Unter uns lag der Fjord, übersät mit Eisbergen, die vom Store Gletscher kalbten.



In einer Bucht am inneren Nordufer von Nuqssuaq fand der Pilot einen sanften, mit Tundragras bewachsenen Hügel und setzte zur Landung an. Unter dem Lärm der Rotoren wurden unsere drei Rucksäcke ausgeladen, der Copilot deutete mir, unsere geplante Route auf der Flugkarte einzuzeichnen – eine beruhigende Geste, aber wir würden uns vierzehn Tage lang mit niemandem verständigen können. Daher entstand nur ein vages Gefühl von letzter Hilfemöglichkeit, das uns aber gerade in dieser Situation gut tat.



Dann hob der Helikopter ab und zog in einer Schleife weiter Richtung Norden: wir waren abgesetzt, ausgesetzt in der grönländischen Wildnis, ca. 140 Kilometer von der nächsten bewohnten Inuitsiedlung entfernt, nur durch die Querung der unerschlossenen Halbinsel Nuqssuaq erreichbar, ca. vierzehn Tagesmärsche entfernt – wenn alles gut ging. Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Planung ins Innere

Wie vor jeder Reise eine gewisse Nervosität mit Kribbeln im Bauch aufkommt und damit dem Körper signalisiert: "Da passiert etwas Besonderes, nicht Alltägliches", war dieses Gefühl umso stärker vor unserer Reise nach Kalaallit Nunaat.  "Wohin fahrt ihr? Grönland? Wohnt dort überhaupt  jemand? Ist das nicht gefährlich? Gibt es da mehr als Iglus und Eisbären?".  Zweifelnde und teilweise entmutigende Fragen dieser Art von Bekannten, Verwandten und sogar guten Freunden begleiteten uns schon während der mehrmonatigen Vorbereitungszeit. Wir, das waren meine Frau und ich sowie unser Freund Martin, alle Mitte zwanzig, planten anhand von Überblicks- und Detailkarten des Dänischen Geodätischen Institutes, welche Ziele für die fünfwöchige Expedition im Sommer 1990 in Frage kämen: Grundbedingung war, dass der Ausgangspunkt von Inuitsiedlungen aus zu erreichen sein sollte, ebenso der Endpunkt.

Dazwischen sollte es unberührte arktische Natur geben und das unermesslich große Inlandeis aus unmittelbarer Nähe.



Unser inneres Ziel, das diesem äußeren Ziel die Richtung gab, war wohl stark von der Sehnsucht nach unberührter, von Menschen nicht veränderter Landschaft geprägt. Die Ästhetik arktischer Landschaft mit ihrer Kargheit und Reduktion auf das Wesentliche sollte in der Tiefe unserer Seelen Platz finden.









Vision aus dem Inneren

Wir suchten gewissermaßen nach dem Unsterblichen hinter der vergänglichen Form oder nach dem Unvergänglichen im Vergänglichen. Die Eiszeitlandschaft Grönlands ist dafür ein perfekter Ort, vergleichbar den Wüsten, die den alten christlichen Einsiedlermönchen vor hunderten Jahren spirituellen Raum gaben. Eine arktische Wüste in der aktuell das stattfindet, was in der letzten Eiszeit vor 12.000 Jahren und mehr den größten Teil der Welt beherrscht hat: Eismassen unvorstellbaren Ausmaßes überziehen ganze Landschaften und begraben alles unter sich.









An der Eisrückzugsgrenze entsteht neues Land, das langsam von Flechten und - weiter von den Eismassen entfernt - niedrigen Kräutern, Blumen und auch Weidenbüschen besiedelt wird.



Die Eiszungen stoßen bis in tiefe Lagen und oft bis in das Meer vor, wo Eisberge mit gigantischen Dimensionen durch das Abbrechen enormer Eismengen entstehen.

James Balog zeigt uns das seit einigen Jahren in den berührenden Zeitraffern der lebendigen, aber sterbenden Gletscher. Auch die Meereisbedeckung im gesamten Arktischen Ozean um den Nordpol herum ist in den letzten Jahrzehnten stark gesunken. Chasing Ice North of Franz Josef Land fasst meine Erfahrungen zusammen, die ich 2012 gemacht habe, dem Sommer der niedrigsten Meereisbedeckung seit es die NASA-Satellitenvermessungen gibt – 50 Prozent weniger Eisfläche und 80 Prozent weniger Eisvolumen gegenüber dem Referenzwert von 1979. Da sind gewaltige Änderungen im Gange.







Manchmal lugen Bergspitzen aus den grönländischen Eisströmen hervor und erinnern als Nunataks, dass es unter dem hunderte Meter dicken Eis wirkliches Land gibt.





Dieser zwei Millionen Quadratkilometer große grönländische Eisschild hat die Eiszeiten überdauert und ist bis zu drei Kilometer dick und hunderttausende Jahre alt – die wahre Geschichte des Klimas konservierend. Das Inlandeis endet bei den im Sommer eisfreien Tundra- und Permafrostlandschaften, durch die wir uns bewegen wollten. Die vielen Flussquerungen durften kein unüberwindbares Hindernis darstellen, was wir bei der Planung mit den Mitteln der 1990er-Jahre nur unzureichend sicherstellen konnten. Es musste also Raum für Anpassungen und Routenänderungen bleiben. Wir entschieden uns für die Halbinsel Nuqssuaq, die sich wie ein riesiger Finger nördlich der Diskobucht im mittleren Westen Grönlands vom Inlandeis in die Baffin Bay erstreckt und für ein Gebiet nördlich von Tassilaq, an der schroffen mittleren Ostküste von Grönland.



Diese beiden unterschiedlichen Landschaften wollten wir in je zwei Wochen, völlig auf uns gestellt, durchqueren - und erleben. Die Navigation mit dem Kompass würde auch eine gewisse Herausforderung darstellen, weicht doch in Grönland die Magnetnadel des Kompasses um ca. 45 Grad vom geographischen Norden ab, was wir vor Ort durch gezielte Peilungen von in der Karte verzeichneten markanten Landschaftsmerkmalen ermittelten. Es ging uns um die Suche nach Unberührtheit und um das "Hintersichlassen der Zivilisation", um einen Weg ins Innere der Landschaft und unseres Ichs, nicht um sportliche Leistungen oder Erstbesteigungen.

Das bedeutete, die gesamte Ausrüstung für zwei Wochen in drei Rucksäcke zu packen, vom Essen angefangen über warme Schlafsäcke und Zelte, bis hin zur Eisausrüstung für Gletscherquerungen und Inlandeiserkundungen. Tragbar sollten die Rucksäcke bleiben und für die zweite Tour wollten wir daher den Proviant irgendwo so deponieren, dass wir es beim Wechsel in das andere Gebiet wieder mitnehmen konnten. (Christoph Ruhsam, derStandard.at, 25.11.2013)