Gras des Vergessens

31. Juli 2009, 17:00
Was die schöne Tätigkeit des Häckselns mit VW, Opel und spanischen Managern zu tun hat, erklärt heute Ute Woltron

Es hat einen Grund, warum ich den Häcksler stets gern und mit einem Grinsen anwerfe, und der ist in einer Erinnerung aus der tiefen Vergangenheit zu finden.

Irgendwann saßen da Kollege Wolf Lotter, mittlerweile Brand Eins, und ich, mittlerweile der Standard, wie üblich schon nach Mitternacht in der Profil-Redaktion und schrieben gemeinsam an einer Titelgeschichte zum Thema "López-Affäre".

Opel, Volkswagen, Industriespionage und so weiter.

Wir saßen gerade an dem Kapitel, in dem der gerade zu VW gewechselte spanische Manager José Ignacio López de Arriortúa seine sogenannten "Krieger" ausschickt, um die in diversen Privatwohnungen deponierten, der Konkurrenz entwendeten Geheimunterlagen sicherheitshalber zu vernichten. López' "Krieger", so hieß es allen Ernstes, seien nächtens im Nadelstreif im Hof eines Wohnblocks gestanden und hätten ordnerweise die Opel zuvor entwendeten Akten geschreddert.

Schreddernde Spanier

Ein dort wohnhafter Schwede, so berichtete man damals, wäre durch den Lärm aufgeschreckt worden und hätte das gelackte Managerteam gefragt, was die denn da täten. "Schreddern", soll die Antwort gewesen sein.

Dieses absolut unglaubhafte Bild der nächtens in deutschen Höfen schreddernden Spanier, staunend beobachtet vom womöglich nachtmützenbezipfelten Schweden, verursachte bei uns im postmitternächtlichen Wien einen fast schon legendären Heiterkeitsausbruch, von dem wir uns erst in den Morgenstunden bei Ham & Eggs im ebenfalls bereits der Erinnerung anheimgefallenen Café Salzgries erholten.

Beim Häckseln denke ich also gern und dankbar an Kollegen Lotter, auch, weil ihm viele andere Lachtränen zu verdanken sind.

Im ländlichen Blaumann schreddere ich heute Äste und Grünzeug wie seinerzeit López' Krieger im Nadelstreif und befördere die kostbaren Schnipsel in meditativen Abfolgen unter Bäume und Sträucher.

Dort dürfen sie langsam verrotten und zu Humus werden, wie die Akten und die Affäre, über die heute auch längst das Gras des Vergessens gewachsen ist.

Mitten in einem metaphysischen Kreislauf

Das feine Häckselgut ist des Gärtners Geheimwaffe, man könnte auch sagen eine Art Rendite. Es verhindert, dass der Boden zu schnell austrocknet und das Unkraut gleich wieder hochkommt. Zumindest eine Zeit lang. Bis die Schredderstücke den Weg alles Weltlichen gehen, bis sie die Vergessenheit einholt und Giersch und Quecke wieder an der Oberfläche auftauchen wie die Wirtschaftsaffären, die ja auch offensichtlich nie auszurotten sind.

Wir befinden uns als Häcksler also gewissermaßen als Teilchen mitten in einem metaphysischen Kreislauf, weil alles mit allem zusammenhängt und weil sich, so lautet die These, anhand eines beliebigen Gegenstandes wie zum Beispiel dem Häcksler eben ein Teil, wenn nicht die ganze Welt erklären lässt. (Ute woltron/Der Standard/rondo/31/07/2009)

Tipp

Ohne Häcksler ist man ab einer gewissen Grundstücksgröße aufgeschmissen. Die Investition in diese Äste und weichere Pflanzenabschnitte zerkleinernde Maschinen ist also empfehlenswert. Zerschreddertes kompostiert schneller, und das Häckselgut eignet sich, wie erwähnt, hervorragend zum Mulchen. Bevor Sie die doch nicht kleine Investition tätigen, überlegen Sie besser genau, was Sie hauptsächlich häckseln wollen. Es gibt Blatthäcksler für Weiches, Asthäcksler für Gröberes. Die jeweils ungeeignete Gerätschaft verstopft schnell und wird Sie in den Wahnsinn treiben.

Blau machen

"Grünzeug"-Ute-Woltron weilt im August auf Sommerfrische. Am 4. September wird sie sich mit der nächsten Gartenkolumne zurückmelden.

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