Jausenbrot

24. September 2009, 17:00

Die Streichwurst kam aus Inzersdorf, das Brot vom Hofer - Oder: Ein leckeres Semmelchen, belegt mit Extra und Gurkerl

+++Pro
Von Christian Schachinger

Die Streichwurst kam aus Inzersdorf, das Brot vom Hofer, die Wut aus dem Bauch. Niemals wieder (bis zu einer Seegurke in Korea) habe ich vor Essen einen derartigen Ekel verspürt wie dreimal die Woche vor dem Jausenbrot in der Zehner-Pause. An den anderen Schultagen war die Extrawurst vom Diskonter eine Gnade. Diese hätte die gute Mutter nicht gewähren müssen, weil einmal Gurkerl pro Tag wurde ohnehin abgezogen. Das ergab Staub, in Scheiben gepresst. Dem Mistkübel schmeckte es. So könnte man natürlich schimpfen, wenn der Therapeut nach der schweren Kindheit fragt. Tut er aber nicht, weil er ist ja nicht blöd und hört sich diesen Senf mehrmals täglich an. Ein dazugehöriger Spruch aus der Kindheit aber brannte sich tief ins Gedächtnis: "Wenn du einmal dein eigenes Geld verdienst, kannst du dir ja das Essen kaufen, das dir schmeckt." Einige Studien und Gulaschdosen und Tetrapacks später, bin ich heute reich und glücklich und trinke Schampus mit Lachsfisch. Dank der Ablehnung des Jausenbrotes. Ich bin dafür.

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Contra---
Von Sigi Lützow

Das Jausen- oder (schulisch) Pausenbrot und die Lebensmittelarchäologie sind gewissermaßen verwandte Wissenschaften. Die Zahl der in Schulbänken- oder -taschen größtenteils vorsätzlich über Tage, Wochen, ja Monate vergessenen Pausenbrote ist Legion. Das lustige Mutmaßen, was das in Stanniol verpackte Grauen denn einst gewesen sein mag, konnte nicht darüber hinwegtrösten, dass der Snack schon vor dem Verrotten schlicht zum Vergessen war. Die gealterten Schwarzbrotscheiben von einer liebenden Mutter, eines fürsorglichen Vaters Hand, mit Sardellenpaste oder Leberstreichwurst bestrichen, gleich zu entsorgen verbot freilich die Erziehung. Erst olfaktorischer Druck oder fetttriefende Schulhefte zwang zum Handeln. Glücklich jene, die in der Klasse einen hatten, der aß, was man ihm schenkte. Guten Gewissens konnte man dann ein leckeres Semmelchen, belegt mit Extra und Gurkerl, kaufen. Dazu eine Schoko und ein Cola. Und dann war es auch gar nicht gelogen, wenn die Frage daheim lautete, Tag für Tag: Alles aufgegessen? Na aber sicher! (Der Standard/rondo/25/09/2009)

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