Im Anfang ist das Fass

25. Oktober 2009, 17:00
Wenig geht über den heimlichen Hort des Gartens: Jene Ecke, in der das Gerümpel auf Wiederverwendung wartet, sagt Ute Woltron

Eine der wichtigsten Stellen des Gartens ist der gut verborgene Ort, an dem sich das Gerümpel stapelt.

Möglichst viel sollte es sein, weil wenig heilsamer ist als geeignetes Gerümpel, wenn das Fieber der Kreation neuer Konstruktionen über den Gärtner kommt, oder wenn schlichtweg irgendetwas zu reparieren ist.

Unter Gerümpel ist zu verstehen: Bretter und Pfosten jedweder Provenienz, Seile und Drähte aller Längen und Dicken, unterschiedliche Gitter und Gitterroste, eine große Anzahl ausrangierter Kübel diversen Fassungsvermögens, das obligate und im Idealfall unerschöpfliche Sortiment von Töpfen.

Unerlässlich in der Gerümpelabteilung sind natürlich des weiteren alte Schöpfer und Siebe für die Jauchen, Stäbe, Stöcke, Haselnussstecken für die Pflanzenstütze, allerlei Scharniere und andere Metallkleinteile für Eventualitäten wie Ziegenställe und ähnliches, sowie Eisenbahnschwellen, noch nicht zur Verwendung gekommene Steinplatten.

Und - die Krönung jeder Gerümpelgstetten - die sogenannte "Barrön".

Gut möglich, dass Sie sich darunter jetzt wenig vorstellen können, um nicht zu sagen, keine Ahnung haben, was das sein könnte:

Raummaßeinheit von Rohöl

Barrön ist die ländlich eingeösterreichischte freie Übersetzung des englischen Wortes "Barrel" und bedeutet einfach "Fass". Dass die Bezeichnung Barrel gegenwärtig als Synonym für die Raummaßeinheit von Rohöl den weitaus größeren Bekanntheitsgrad hat, ist eine mit Sicherheit vorübergehende Erscheinung eines umwelttechnisch unglückseligen Zeitalters, doch ich schweife ab.

Das Fass selbst hingegen ist ein Gegenstand für die Ewigkeit, mit all den ihm innewohnenden, so gut wie unendlichen Verwendungsmöglichkeiten. Viel stimmiger als beispielsweise Erdölprodukte nimmt sich etwa im simpelsten Fall das darin aufgefangene Regenwasser aus. Es lassen sich Seerosen in alten Fässern pflanzen und sommers Goldfische darin halten.

Umgedreht und mit allerlei raffinierten Einbauten versehen, die durch experimentelles Tun optimiert werden müssen, kann man darin Forellen räuchern.

Quergelegt, mit zwei Steinen fixiert und einem darüber gelegten Brett wird das Fass ganz einfach zu einer grandiosen Kinderschaukel für zwei. In Ringe geschnitten und eingegraben, kann ein Fass viele kleine abgegrenzte Rabatten samt Wurzelsperre werden. Man kann es zu Grillgelegenheiten umrüsten und Feuerchen darinnen heizen.

Der Gerümpelhaufen samt Barrön ist der Hort kreatürlicher Freude. Er spart viele Fahrten zu Baumärkten. Altes Zeug wird in neue Kreisläufe geschleust und bekommt neue Verwendungszwecke. So soll es sein. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/23/10/2009)

Tipp

Nur noch bis 1. November ist im Bozener Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Museion die Ausstellung der Südtirolerin Carmen Müller mit dem Titel "Notizen aus Gärten" zu sehen. Wer sich noch keine rechte Vorstellung davon machen kann, wie das mit dem Gerümpel und seiner Wiederverwendung im Freien funktionieren kann, muss entweder eilends dorthin, oder kauft sich den zur Ausstellung erschienenen Katalog gleichen Titels: Die Künstlerin und Gärtnerin hat unzählige elegante, skurrile und originelle, in jedem Fall aber praktische Beispiele eben dieses nur altmodisch wirkenden, aber hochmodernen Bemühens fotografisch dokumentiert und mit eigenen Arbeiten ergänzt. Sehr inspirierend und - ja - auch berührend. (Folio Verlag, EURO 25,- ).

 

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