21 Aktivitäten

7. Dezember 2009, 16:53
Tauchen, paddeln, bergwandern. Die Insel Palawan gilt als eine "Last Eco Frontier" der Philippinen

Twentyone free activities. Welcome Drinks sowieso. Der Filipino, der am Mangroven-Bootssteg gerade Urlauber einsammelt, verkündet das Aktivurlaubs-Mantra des El Nido Resorts mit bedächtig gesetzten Atempausen zwischen den einzelnen Punkten und verteilt zu den Schwimmwesten eine Art Holidayholic-Checklist. Schnorcheln, Tauchen, Sea-Kayaking, Beach-Volleyball, Island Cruise, Tennis, Klettern, Surfen, Segeln, Hutflechten. Alles inklusive. Macht fünf Activities pro Kurzurlaubstag. Die mit zum Transfer aufgekreuzten Gäste aus Taiwan wirken auf routinierte Weise gestresst, setzen konzentriert kleine Häkchen neben die lange Liste. Außer bei "Hüte flechten". Sollte man nicht doch lieber ...?

Aber dann tuckert das Boot auch schon los. Langsam zuerst, damit die weißen Fischreiher und schwimmenden Seerosen neben El Nidos Lio Airport im Reklamationsfall als Mangroven Cruise durchgehen. Ziemlich flott später, weil es sich ja jetzt um die James-Bond-Sequenz handelt - woran auch das uncoole Outfit der Schwimmwesten nichts ändern kann.

Ohnehin spricht der kleine Bacuit-Archipel für sich. Mit Felsen, die wie gespiegelte Kleckse aus dem tintigen Wasser ragen. Mit zackigen Schattenrissen, hinter denen später ein lila Abendhimmel zerfließt. Eine Landschaft wie ein Rorschachtest, aber aus der Ära Photoshop. Und gerissen zerrissen, je länger man sie am Horizont sortiert: Denn hinter jeder Durchfahrt verschiebt sich die Perspektive, bildet neue Kulissen aus Karst, schafft so ein Insellabyrinth, das eine Prise Horror Vacui eingebaut hat, vor allem aber natürlich erodierte Wartebänke zum Ferienparadies. Hier der nächste, nur vom Wasser aus erreichbare Mini-Strand: Palme, Busch, drei Meter weißer Sand. Da ein Spalt im Karstfelsen, der abends Fledermäuse ausspuckt und tagsüber mutige Sea-Kayaker schluckt.


Fotografieren vor atemberaubender Kulisse.

Eine Nacht später ist klar: Manche der Activities schafft man locker im Dreierpack, noch vor dem Frühstück. Da wäre etwa die klassische Insel-Kombi: Spaziergang quer über Lagen Islands Karsthügel, der sich hinter der eng eingeschnittenen Lagune des El Nido Resorts auftut und der einem schon nach wenigen Schritten echtes Urwald-Feeling verschafft, vor allem aber fünfzehn meditative Minuten neben breiten Brettwurzeln und Lianen. Am Ende des Mini-Dschungels (Trekking!) breitet sich eine atemberaubend leere Urwald-Beach mit vorgelagertem Korallengarten (Schnorcheln abhaken!) aus, plus der vorbestellten Kajaks für die Rückfahrt (Activity drei!).

Fischreiher hocken in den Löchern der steilen Felswände, sehen den Paddlern beim Vogelschauen zu. Wer will, kann das Kajak sogar kurz verlassen und über Bambusleitern auf die Plattformen klettern, die von den philippinischen Schwalbennest-Sammlern benutzt werden. Obwohl: Birdwatching steht nicht auf der Liste, Rastplatzbelegen schon gar nicht.

Dafür bringt später ein Ausflug zum benachbarten Pangalusian Island den vollen Activity-Score: Surfen und Segeln am Rande einer dunkelgrauen Wolke, die sich wie ein Vorhang zum gleich losbrechenden Naturschauspiel auf das Inselchen zubewegt. Vorher Bergwandern zum Pangalusian-Gipfel, wo sich das Land-Wasser-Puzzle des Bacuit-Archipels ausbreitet. Auch die Taiwanesen blicken schweigend auf die Karstzacken im Meer, halten in der aufkommenden Brise die neuen, quietschgrünen Palmblatthüte fest. Klar: selbst geflochten. Ging sich ja dann doch irgendwie aus. Einundzwanzig Aktivitäten und eine schwarz geringelte Giftschlange, die ausgerechnet die enge Zufahrt zur versteckten Mantinloc Lagoon bewacht - das sind auch schon die einzigen Dinge, die einem im Bacuit-Archipel die Ruhe rauben können. Sieht man einmal von der spektakulären, über weite Strecken unverbraucht gebliebenen Landschaft ab, dem eigentlichen Markenzeichen der philippinischen Insel Palawan.


Ein Ausflug in den Mangrovenwald.

Die Exkursion ins Labyrinth des unmittelbar vorgelagerten Bacuit-Archipels - nebenbei beliebtes Tauchziel - ist keineswegs der einzige Superlativ, mit dem Palawan aufwarten kann. Der Ruf der "Last Eco Frontier" eilt der langgestreckten, ganz im Westen des philippinischen Archipels gelegenen Insel voraus: Natur im Übermaß, knapp die Hälfte der Fläche mit Primärwald bedeckt, noch nicht einmal eine Million Einwohner, die sich auf einem 425 Kilometer langen, grünen Streifen verteilen, dessen südliche Spitze bis nach Borneo reicht.

Nicht zuletzt wegen eines tiefen Meeresgrabens, der die Insel von den restlichen Philippinen trennt, hat Palawan mit Borneos Ökosystemen denn auch mehr gemeinsam als mit dem des gesamten Archipels: Fünfzehn endemische Säugetiere und noch mehr Vogelarten, die mit vierzig Zentimeter Schulterhöhe kleinste Hirschart der Welt stehen dafür ein. Kurz: Palawan gilt als Pionierland, das es vielleicht gerade noch schafft, nicht von der Holzmafia ausgeweidet zu werden. Zahlreiche Schutzgebiete wurden dafür geschaffen: Neben dem El Nido Archipel findet sich im Malampaya Sound die Heimat der selten gewordenen Irrawaddy-Süßwasser-Delphine, wenige Meter weiter, beim Fischerdorf San Vincente, der längste Strand der Philippinen - außer vom Meer praktisch gänzlich unbeleckt.

Nicht zu vergessen die vorgelagerten Gewässer: Taucher schwärmen von den Unesco-geschützten Tubbataha-Riffen, während das weiter nördliche Apo Reef die weltweit höchste Konzentration an Korallenarten beherbergt. Aber Palawan hat noch mehr zu bieten.

Darunter Dinge, die zur Art der aussterbenden Technik-Spezies gehören. Zapfsäulen etwa, aus denen Benzin per Handpumpe gezogen wird. Im Kaff Taytay ein portugiesisches Fort mit Romantikfaktor zehn. Und en passant: harte Jungs, die sich in freien Momenten in Adler verwandeln und in gelben Badeschlapfen von zehn Meter hohen Brücken ins grüne Flusswasser hinuntersegeln - aber in echt und nicht bloß am Computerbildschirm.

Treffen mit Norbert Busch, einem mittlerweile leicht palawanisierten Deutschen, der Touristen netterweise Mietautos verleiht, allerdings mit unterschiedlich großen Rädern. Dafür warnt er vor seiner momentan schärfsten Konkurrenz, einem Filipino im Hauptort Puerto Princesa. Denn der gilt als unseriös.

Zwei Stunden später ist klar: Herrn Buschs Wagen kann man weiterempfehlen. Sie passen sich einer Landschaft an, durch die man keineswegs rasen sollte, aber in der Tanzen und Torkeln auf der Straße durchaus zur Optik passt. Das verrät die Fahrt von Puerto Princesa Richtung Sabang, wo die Wege allmählich schmäler werden, sich immer tiefer einrillen, so wie Palawan ins Gedächtnis seiner Besucher. Verkarstete Kalkstöcke ragen aus dem Quietschgrün der Reisfelder auf. Steilwandige Buckel, mit tausenden verkarsteten Poren, die wenig später, an der gähnenden Einfahrt zum St. Paul Subterranean River, einen Hauch von Jules Verne verströmen.

Spätestens dann ist man längst wieder auf Boote umgestiegen, schippert zunächst über hellgrüne Lagunen und dann durch Palawans porösen, schwarzen Bauch, ebenfalls Unesco-Naturerbe: Mit über acht Kilometern ädert die Ökoinsel nämlich auch die längst schiffbare Wassergrotte der Welt. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Rondo/4.12.2009)

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