Im Kino klatschen

14. Jänner 2010, 16:47
Der ehrlichere Beifall - Oder: Affig

+++Pro
Von Dominik Kamalzadeh

Applaus ist oft nur eine Etikette, an die man sich eben hält. Im Theater geht man beispielsweise eine Aufführung lang gedanklich die Einkaufslisten der kommenden Wochen durch und klatscht am Ende doch wie ein begeisterter Idiot: Immerhin, die Schauspieler haben sich redlich bemüht ... Anders im Kino, da hält uns die Virtualität des Geschehens in der Regel von jeglichen Beifallsäußerungen ab. Wer bejubelt schon eine Leinwand? Schauspieler, die gar nicht richtig da sind? Doch mitunter ist dann eben doch der unmittelbare Eindruck so stark, dass er zu einer spontanen Geste der Zustimmung veranlasst: ein Moment des Losbrechens, des Einswerdens mit einer noch viel größeren Gruppe still vergnügter Kinozuschauer. Das ist der wahre Moment des Applaus, ein Urteil, das einer körperlichen Reaktion gleichkommt und kein echtes Gegenüber mehr benötigt. Deshalb ist Klatschen im Kino schlicht aufrichtiger als anderswo. Und allemal besser als die viele anderen Geräusche im Dunkeln, die sich gar nicht auf den Film beziehen.

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Contra---
Von Karl Fluch

Im Kino klatschen - kann passieren. Als ich mich vor einigen Monaten durch den Film Momma's Man quälte und die vorzeitige Flucht aus dem Saal aufgrund einer Verabredung danach nur einen weiteren Umweg bedeutet hätte, applaudierte ich, als der Film aus war: Endlich! Überstanden! Raus hier! Natürlich ist diese Form des Negativzuspruchs die Ausnahme beim Klatschen. Prinzipiell gilt sie als wohlgesinnte Aufmerksamkeit angesichts einer erbrachten Leistung, weshalb im Kino klatschen, wo lediglich Licht durch totes Material geschickt wird, ein wenig affig wirkt. Gelte der Beifall dem Filmvorführer - ich würde sofort klatschen. Aber irgendeinem Regisseur zu applaudieren, der gerade in Hollywood an Starlets nascht, erscheint mir sinnlos. Dabei bin ich kein Klatschmuffel. Für tolle Leistungen spare ich nicht mit Zuspruch. Ganz wichtig: Im Flugzeug klatschen! Nach stundenlanger Todesangst sicher zu Boden gebracht zu werden verdient allen Applaus dieser Welt. Auch da gilt: Endlich! Überstanden! Raus hier! (Der Standard/rondo/15/01/2010)

Kolumne: Pro & Kontra

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