Für die Wadenfülle

18. Februar 2010, 16:56
Bei einer Wanderung entlang des Great Ocean Walk zeigt sich Australiens Küste von ihrer wilden Seite

Die Hauptstraße im beschaulichen Städtchen Apollo Bay ist abgesperrt. Bleichgesichtige Jünglinge mit Ziegenbärtchen klagen im Open-Air-Konzert der Welt ihr pubertäres Leid, während schon an der nächsten Ecke mit großem Ernst Heavy Metal betrieben wird.

Deswegen ist der Treffpunkt heute ans Ortsende, an den Eingang des Golfklubs verlegt. Die nächsten drei Tage werden die Wanderer, die sich an diesem sonnigen Märztag hier erwartungsvoll zusammenfinden, mit einem Guide der Bothfeet Lodge entlang der Great Ocean Road unterwegs sein. Die berühmte Straße wurde ab 1919, in den Zeiten der großen wirtschaftlichen Depression, unter gewaltigen Mühen gebaut, um Australiens Süden zu erschließen. 13 Jahre lang gruben und hackten sich die Arbeiter durch die spektakuläre Küstenlinie Victorias, die kurvenreiche Straße ist heute nicht nur bei Motorradfahren ein beliebtes Ausflugsziel. An Wochenenden muss man die schöne Aussicht auf die Surfer, die sich in die wilde, pazifische Brandung stürzen, schon manchmal in einer zäh fließenden Autokolonne genießen.

Eine Alternative bietet der 2006 eröffnete Great Ocean Walk. Auf 104 Kilometern folgt er direkt an den Stränden und auf Fußwegen der Küste, dort, wo Autos und Motorräder nicht hindürfen. Die sieben vor dem Golfklub werden sich der Bothfeet Lodge anvertrauen, um das ungezähmte Green des Weitwanderweges zu erforschen. Troy, der Guide, sieht in seinem tarnfarbenen Hemd wie ein Ranger aus und schlägt gleich einen nicht ganz unmilitärischen Ton an: "Hello, Guys, ich bin Troy, und ich werde die kommenden drei Tage die Verantwortung für euch tragen. Deswegen erkläre ich euch gleich die Spielregeln: Jeder trägt seinen Rucksack und sein Wasser, ich trage den Proviant. Wir bleiben zusammen, und ich passe mein Tempo dem Langsamsten von euch an. Wer fotografieren will, gibt Bescheid."

Jeder der Teilnehmer bekommt einen Rucksack mit Regenschutz und Wasserflasche, wer das möchte, wird mit Teles-kopstöcken ausgestattet. "Ich selbst gehe am liebsten mit zwei Stöcken, aber ihr könnt auch nur einen nehmen - es kommt ein bisschen aufs Gelände an und darauf, wie viel ihr zu tragen habt." Bei einem Punkt, und da ist Troy ganz klar, gibt es jedoch keine Diskussion: Die Gamaschen, die vor Schlangenbissen schützen sollen, müssen trotz der Hitze über den Wanderschuhen angelegt werden. Da kennt der junge Mann mit den baumstammdicken Waden keinen Spaß.

Die drei Männer und fünf Frauen gehen am Strand immer knapp an der Wasserlinie entlang , wo man nicht so stark in den bernsteinfarbenen Sand einsinkt. Baden kann man hier nur an wenigen Stellen, zu wild ist die Brandung und zu gefährlich die Strömungen, nicht umsonst heißt die Gegend Wrackküste. Nach ein paar Kilometern ist der Strand von dunklen Steinen durchsetzt, die flache Wasserbecken bilden und von den Aborigines zum Fischfang genutzt wurden. "Bei Flut spülte es die Fische rein, und bei Ebbe holten sie sie raus", erklärt Troy. In diesem Gelände ist es anstrengender voranzukommen, Marisa aus Melbourne hat Schwierigkeiten, von Stein zu Stein zu balancieren, und alle sind froh, festes Schuhwerk zu tragen. Am Ende der Bucht führt der Pfad durch mannshohe Küstenheide, die leichte Brise von der See macht die Temperaturen mit rund 20 Grad zum Wandern ideal.

Unter einem Baum, der die anderen Pflanzen deutlich überragt, macht Troy Halt. "Das ist eine She-Oak, also eine weibliche Eiche", erzählt er. Die Kasuarine, auch Australische Kiefer genannt, wird bis zu 35 Meter hoch. "Deswegen galt bei den Aborigines: Wer die anderen aus den Augen verliert, wartet unter der nächsten She-Oak. Das klappt immer." Der Name der Kasuarinen ist von den Kasuarvögeln abgeleitet, deren Federn wie strähniges Haar vom Körper herabhängen, und genauso struppig stehen die graugrünen Nadeln des Baumes in den Wind. Trotz seines nicht gerade attraktiven Aussehens wird er sehr geschätzt: Sein eisenhartes Holz wird im Möbelbau verwendet, und seine Essenzen helfen bei Störungen des Hormonsystems. Immer wieder wird Troy in den nächsten Tagen stehen bleiben, um Besonderheiten der Flora zu erklären und Trödlern die Chance zu geben, unauffällig aufzuschließen. Nach einem sanften Anstieg ist die erste Etappe geschafft, und Gavin Ronan, der Chef der Bothfeet Lodge, holt die Wanderer mit dem Kleinbus ab.

"Wir haben die Lodge in nur drei Monaten in Fertigbauweise und ökologisch nachhaltig errichtet, die fünf Pavillons sind aus Holz, Glas und Alu." Die Anlage mit dem familiären Flair liegt bei Johanna, in der Mitte des Great Ocean Walk, und ist von Eukalyptusbäumen und Riesenfarnen umgeben. Für die müden Wanderer wird gleich einmal ein Freiluft-Fußbad in großen Steinwannen bereitet, wer möchte, kann eine Massage buchen. Die Boothfeet Lodge versteht sich aber explizit nicht als Wellnessanlage mit Spa-Bereich. "Wir sind eine Einrichtung von Wanderern für Wanderer, und nur wer mit unseren Guides unterwegs ist, kann hier übernachten", erklärt Gavin die Philosophie des Unternehmens. "Das garantiert, dass hier Leute mit ähnlichen Interessen zusammenkommen." Was Gavin und seine Frau unter Wasserrecyclingsystem verstehen, wird dem Gast spätestens in dem blitzsauberen Bad des Pavillons klar: Über den Toiletten sind Handwaschbecken angebracht, das Waschwasser wird so für die Klospülung wiederverwendet. Zwei Einzelzimmer teilen sich ein Bad, und wer sich da noch nicht kennengelernt hat, wird spätestens beim Abendessen an einer großen, gemeinsamen Tafel vorgestellt.

Gekocht wird mit lokalen Produkten, auf Sonderwünsche wird eingegangen. Mary aus Sydney ist Vegetarierin, macht bei Pute aber eine Ausnahme und möchte doch mehr Brokkoli als die anderen. Das amüsiert auch Helen und Walter, das Ehepaar aus Neuseeland, die schon zum dritten Mal in Australiens südlichstem Bundesstaat wandern gehen. Der hervorragende Rotwein ist aus der nahegelegenen Thermenregion, aber alle wollen früh zu Bett, weil es am nächsten Tag schon vor dem Morgengrauen losgehen soll.

In der Nacht ist es empfindlich kalt, und beim Frühstück sind alle froh, dass Troy schon die Thermoskannen befüllt hat. Die ersten Kilometer führen durch einen kühlen Regenwald, Handschuhe und Fleece werden erst zu Mittag abgelegt. Die Koalas in den imposanten Eukalyptusbäumen schlafen alle, zumindest lässt sich keiner blicken. Erst beim Abstieg in die nächste Bucht wandert ein männliches Exemplar gemächlich über den Weg und lässt sich fotografieren. Beim flotten Wallaby aus der Familie der Kängurus ist das nicht so einfach, mit einem Satz ist es im Gebüsch verschwunden.

Die Fotofrequenz nimmt von Tag zu Tag ab, alle hängen ihren Gedanken nach und gehen ihr eigenes Tempo, Troy hält seine Schäfchen zusammen und treibt sie schließlich freundlich, aber bestimmt die Stiegen zum Cape-Otway-Leuchtturm hinauf. Der sorgt seit 1848 dafür, dass sich den zahlreichen Wracks an der Küste nicht noch weitere hinzugesellen.

Hier schweift der Blick über die Etappen der vergangenen Tage, und man ärgert sich, dass nicht genug Zeit bleibt, bis zu den berühmten "12 Aposteln" weiterzumarschieren. "Ihr solltet bald wiederkommen, vier der markanten Felstürme sind bereits eingestürzt", sagt Troy. "Noch zwei Tage, und ich hätte mich in dich verliebt", meint Mary versonnen und sieht den Guide von der Seite her an. "Da wärst du nicht die Erste gewesen", sagt Troy und legt die Gamaschen ab. (Tanja Paar/DER STANDARD/Rondo/19.02.2010)

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