Präsidentengattinnen­schau

24. Mai 2010, 17:52
Warum die Frau des britischen Premiers die Achse Paris-Washington gehörig durcheinanderbringen könnte

In den vergangenen Jahren erlebte eine Tätigkeit ein Revival, von der man sich spätestens seit den Tagen von Barbara Bush und Hannelore Kohl verabschiedet hat: Wir wollen sie Präsidentengattinnenschauen nennen. Tritt ein Politiker im Fernsehen auf, dann streift unser Blick kurz seinen Anzug - und bleibt dann an seiner Angetrauten hängen. Entspricht die Länge des Rocks dem Protokoll? Passt die Farbe des Kleides zu den Schuhen? Und vor allem: Sind die Beine rasiert? Die Schweißflecken verdeckt? Der Oberlippenbart gestutzt?

In den vergangenen Jahren bescherte uns diese Tätigkeit einige Glücksmomente, von denen man als Spätgeborener kaum mehr zu träumen wagte. Eine Ikone wie Jackie Kennedy oder gar eine Schönheitskönigin wie Imelda Marcos hatte unsere Generation bislang nicht zu bieten. Und mit der Schuhsammlung von Sonja Klima wollten wir uns dann doch nicht abgeben.

Präsidentengattinnenschau

Mit Carla Bruni und Michelle Obama lohnte es sich wieder, genauer hinzuschauen. Sie haben das Bild der schönen Präsidentengattin rehabilitiert - auch wenn sie dabei so einiges auf sich nehmen mussten. Im Falle Brunis ist das der Tausch von Zehn-Zentimeter-Heels mit unförmigen Ballerinas, im Falle von Obama von ärmellosen Kleidern mit (manchmal zumindest) die Schultern bedeckenden Ensembles.

Seit vergangener Woche nun ist die Präsidentengattinnenschau um ein Schauobjekt reicher geworden. Das Duo ist zu einem Trio angewachsen. Die Neue heißt Samantha Cameron und ist die Frau des frisch gekürten britischen Premiers.

Sie hat das Zeug, der Achse Washington-Paris ernsthaft Konkurrenz zu machen. Dass sie dazu auch gewillt ist, hat die Tochter eines Aristokraten bereits zu Beginn des Wahlkampfs ihres Mannes klargemacht. Da präsentierte sich die schöne 38-Jährige in einem Kleid von Marks & Spencer und Heels von Zara. Das stand zwar in keinem erkennbaren Zusammenhang zu ihrem stolzen Salär als Kreativdirektorin des edlen Londoner Schreibwarengeschäfts Smythons, kam beim britischen Wählervolk aber gut an. Mit einem Delfin-Tattoo auf ihrem Fußgelenk setzt sie zudem neue Präsidentengattinnenstandards. Wir werden sehen, mit welchen Motiven ihre Konkurrentinnen kontern. (Stephan Hilpold/Der Standard/rondo/21/05/2010)