Das Primelprinzip

20. Februar 2011, 18:21
Die Primel ist das Pflanze gewordene Prinzip Hoffnung in den Permafrostgebieten unserer Breiten, meint Gregor Fauma

Frauen im Vorstand würden dessen Sitzungen bunter und schöner machen, meinte ein intellektuelles Licht einer großen deutschen Bank dieser Tage. Dieser Mann hätte sich die verdienten, medialen Watschen sparen können, hätte er statt Frauen Primeln gesagt. Ja, Applaus wäre ihm sicher gewesen. Denn Primeln sind schön, denn Primeln sind bunt. Primeln werten jedes Boardmeeting auf, sorgen sie doch mit ihren leuchtenden Farben für gute Laune und mit ihrer Schönheit für fröhliches Dahinwitzeln. Dieser Beitrag zur Konzernleitung ist nicht zu unterschätzen und in dem Standardwerk der Unternehmensberaterliteratur Das Primel-Prinzip (Blau-&-Scheer-Verlag) auch wissenschaftlich festgehalten.

Doch auch im Garten dürfen Primeln nicht fehlen. Wie groß ist die Freude, wenn die ersten Blumengeschäfte ihre gassenseitigen Verkaufsstände mit den leuchtend gelben und orangen Vorfrühlingsboten füllen. Eins fünfzig bis drei fünfzig kostet ein Topferl, das eine solitäre Pflanze versorgt. In Baumärkten kann man moribunde Primeln auch mitunter um 50 Cent erwerben und liebevoll aufpäppeln. Gleich vorweg: Man kann gar nicht genug Topferln in dieser Zeit des akkumulierten Vorfrusts kaufen! Denn die Primel ist die Pflanze gewordene Hoffnung in den grauen Permafrostperioden unserer Breiten. So fragil die zahlreichen Blütenköpfchen wirken, so robust ist dieser Vertreter der letzten Eiszeit. Angepasst an das raue Gebirgsleben, kann Primeln im Tal nicht viel passieren. Sie vertrocknen kaum, sie erfrieren kaum, sie ertrinken kaum, sie kommen mit wenig Sonnenlicht aus - die Primeln machen es ihren Pflegern leicht.

Blassgelbe, leuchtend Rote, lodernd Orange und Blaue

Ich räume mir dieser Tage sämtliche Fensterbretter mit ihnen voll und neige sie dabei leicht zur Wohnung hin, damit sie mir ihre Farbenpracht optimal präsentieren können. Blassgelbe kommen neben leuchtend Roten zu stehen, lodernd Orange wechseln sich mit Blauen ab, und Weiße setzen die üblichen Akzente. Einmal pro Woche spiele ich dann Coiffeur und bearbeite die Stockerln mit einer schmalen und sehr spitzen Schere. Mit friedvoller Freude an der konzentrierten Kontemplation betrachte ich die Primel langsam drehend von allen Seiten und schneide Verblühtes heraus. Damit schaffe ich Platz, Licht und Luft für die nachtreibenden Blütenköpfe und sorge mit diesem Fassonschnitt für ein andauerndes Blühen. Als gestandenem Proleten reichen mir die einfachen Primeln vollkommen. Simple Blüten, klare Farben, minimaler Preis - so einfach kann das kleine Glück sein.

Für die Patrizier unter den Blumenfreunden gibt es natürlich spannendere Vertreter unter den Kerneudikotyledonen, die Aurikel genannten Schlüsselblumen. Sie sehen aus, als hätte ihnen jemand (er oder die Evolution) den Hals langgezogen. Die Blüten sind durch Zucht mehrfärbig, das lädt zum Spielen ein. Verspielte Briten haben sich in den letzten 200 Jahren diesbezüglich verdient gemacht und die buntesten Sorten gezüchtet. Selbstverständlich haben sie dazu auch eine National Auricula and Primula Society gegründet - alles braucht seine Strukturen. In Österreich sind die Aurikel in freier Naturbahn kaum mehr anzutreffen - es geht ihnen wie Frauen in Vorstandsetagen. Dass zur Verbreitung der Aurikel diese auf die österreichischen Fünf-Cent-Münzen geprägt sind, wird der Frauenquote auch nicht weiterhelfen. (Gregor Fauma/Der Standard/rondo/18/02/2011)

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