Gutgemüse

25. August 2011, 17:08
In einer alten Gärtnerei in Wien-Donaustadt werden Sorten-Raritäten in fantastischer Qualität gezogen - als Teil eines Sozialprojekts

Mit Salat kennt sich die junge Frau hinterm Stand am Kutschkermarkt in Wien-Währing offensichtlich nicht aus. "Ja, ich weiß nicht, sind halt verschiedene Arten ...", sagt sie und schaut hilflos auf die vier Sorten Rucola, die taufrisch und vor Saft nur so strotzend auf der Budl präsentiert werden. "Aber ich bin auch nicht Gärtnerin, sondern Sozialarbeiterin und verkaufe hier nur aushilfsweise", fährt sie fort und drückt dem Kunden eine Broschüre des Vereins GIN in die Hand.

Der Verein für Gemeinwesen und Integration (GIN) wurde 1992 vom Psychologen Mirko Nalis gegründet und betreut Menschen mit intellektueller Behinderung in Wohngemeinschaften und Tageseinrichtungen. Den Behinderten stehen verschiedene Tätigkeiten zur Auswahl, darunter auch die Arbeit in einer Gärtnerei im 22. Wiener Gemeindebezirk.

150 Sorten Kräuter und Gemüse

Dort wird inmitten von Neubauten ein alter Gärtnereibetrieb aus den 1930er-Jahren bewirtschaftet. Heute werden hier 150 Sorten Kräuter und Gemüse angebaut - alles biologisch und mit besonderem Augenmerk auf alte und seltene Sorten. "Wir arbeiten viel mit dem Verein Arche Noah zusammen, der sich auf die Samen von vergessenen Obst- und Gemüsesorten spezialisiert hat", erzählt Franz Pecs, einer der Gärtner. Verkauft wird ab Hof sowie samstags am Kutschker- und am Yppenmarkt. Aber auch über ein Versandsystem verfügt die Gärtnerei.

"Ausgeliefert wird wöchentlich. Die Kunden erhalten per E-Mail eine Liste von dem, was es gerade gibt, und kreuzen ihre Bestellung an", so Pecs. Das habe den Vorteil, dass man - anders als bei manchen Biokistl-Zustellern - genau wisse, was man bekomme. Frei zugestellt wird offiziell ab einem Betrag von zwanzig Euro. "Aber Bestellungen um zehn Euro nehmen wir genauso mit - das ist dann auch schon wurscht", sagt Pecs.

Sinnvolle Arbeit und wertvolle Produkte

Das Angebot entpuppt sich als wahre Schatzkiste für Abwechslung suchende Gemüseliebhaber: drei Sorten Bohnen gibt es, sechs Sorten Paprika und beachtliche dreizehn Sorten Paradeiser, darunter die seltene, aromatische Variante Green Zebra - ideal für grüne mexikanische Saucen. Aber auch Löwenzahn, Mairüben, Kresse und der wasserhaltige Portulak, sehr gut im Salat. Und dann ist da noch das japanische Senfkraut Mizuna und ein anderes, das sich Namenia nennt und in Italien als Cime di Rapa bekannt ist.

"Seit seiner Gründung war das Ziel des Vereins, den Pavillon 17 auf der Baumgartner Höhe zu leeren, und allen Insassen einen Platz in einer Wohngemeinschaft oder eine eigene Wohnung mit Betreuung zu verschaffen", sagt Mirko Nalis. Beinahe ist das schon gelungen. Nur noch acht Personen seien in dem Pavillon, in den früher all jene abgeschoben wurden, die sonst keiner wollte, so Nalis. Aber auch für die verbliebenen acht habe man bereits eine Unterkunft gefunden, die bald bezugsfähig werde.

"In der Gärtnerei können die Behinderten einer sinnvollen Arbeit nachgehen und wertvolle Produkte erzeugen", sagt Nalis. Und betont, dass Mitleid keinesfalls ein Verkaufsargument sein dürfe. "Das Gemüse muss gut genug sein, um von allein auf dem Markt zu bestehen", so Nalis. Was bei dem Vertriebskonzept und angesichts von Auswahl, Frische, Saisonbezug und den kurzen Transportwegen eigentlich kein Problem sein dürfte. (Georg Desrues/Der Standard/rondo/26/08/2011)

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