Der gute Quälgeist

5. Dezember 2011, 10:22
Laut Designer Victor J. Papanek schlug es auf dieser Welt schon vor 40 Jahren eine Minute vor zwölf - In Wien wurde nun die Victor J. Papanek Stiftung gegründet, die nach dem Mann benannt ist, der Begriffe wie Öko- oder Social Design bereits vor Jahrzehnten prägte

"Brauchen Sie das Ding wirklich, oder hat Ihnen die Werbung eingeredet, dass sie es gern hätten?" Das war eine der Fragen, die der Design-Revoluzzer Victor J. Papanek seinen Lesern stellte. Sein in 23 Sprachen übersetztes Buch Design for the real world erschien erstmals 1970 und ist vielen Gestaltern auf der ganzen Welt heute mehr denn je eine Art heilige Schrift des Designs. Eine andere Frage lautete: "Kann nicht etwas anderes, das Sie bereits besitzen, genauso diesen Zweck erfüllen?" Klar, dass ihm die kapitalistische Welt schon damals nicht auf die Schulter klopfte. Auch Papaneks Kollegen dürften ihm die Krätze an den Hals gewünscht haben, wenn er schimpfte: "In einer Umwelt, die visuell, physisch und chemisch vermurkst ist, wäre es der größte Gefallen, den die Architekten, Industriedesigner, Planer etc. der Menschheit tun könnten, wenn sie einfach zu arbeiten aufhörten." Doch der gute Quälgeist, der 1923 in Wien geboren wurde und 1998 in Lawrence (Kansas) starb, nahm sich noch mehr Blätter nicht vor den Mund: Er meinte, es gebe zwar Berufsgruppen, die mehr Schaden anrichten als Designer, aber viele seien dies nicht.

Papanek, der an zahlreichen Universitäten lehrte, war ein Mann des Gewissens, ein Kämpfer gegen Design als Verhübschungsinstrument. Anders gesagt: Kein Designer hätte weniger in ein Coffee-Table-Book gepasst wie er. Die Lösung, oder sagen wir den richtigen Weg, sah Papanek, der 1939 mit seiner Mutter vor den Nazis nach New York floh, dann Kunst sowie Architektur studierte und ab den 1940er-Jahren bei Frank Lloyd Wright arbeitete, in einem Design, das stets ethischen, ökologischen, sozialen Grundsätzen zu folgen hat. "Den Lippenstift für eine ehrliche Hure zu entwerfen ist die eine Sache, aber ein Deodorant für ihren Zuhälter zu kreieren, die andere" - so viel dazu. Eine der größten Anforderungen sah Papanek darin, leistbare Produkte für die Mittellosen und die Dritte Welt zu entwickeln. Bekannt ist Papaneks "Tin can radio", das aus einer Getränkedose, Paraffinwachs, Draht sowie einem Docht für die Gewinnung der Energie besteht. Er entwickelte es 1965 mit George Seeger für die Dritte Welt. Kostenpunkt für das Ding: neun Cent.

Mit dem Rücken zur Wand

Heute ist klar, dass Papanek, der unter anderem auch in den Diensten der WHO oder der Unesco stand, seiner Zeit voraus und die Welt der Zeit schon damals um ein ordentliches Stück hinterher war. 1971 sagte der Gestalter, der sich ab Mitte der 1950er-Jahre am MIT auf "Engineering und Productdesign" verlegte und in New York ein eigenes Studio mit dem passenden Namen "Design Clinic" gründete: "Als sozial und moralisch engagierter Designer müssen wir uns mit den Bedürfnissen einer Welt auseinandersetzen, die mit dem Rücken zur Wand steht, während die Uhr fortwährend eine Minute vor zwölf zeigt." Fragt sich, welche Uhrzeit der Designer unserem Planeten im Jahre 2011 attestieren würde.

Ist den einen der Begriff Design an sich schon ein verschwommener, mischt sich beim Begriff Social Design auch noch das Gefühl hinzu, man müsse sein Gewissen in Gang bringen. Das könnte unbequem werden. Neben dem Stinkefinger, den Papanek der Massenkonsumgesellschaft zeigte, mag es auch an dieser Unbequemlichkeit liegen, dass er, der selbst kaum als Gestalter, sondern vielmehr als Autor Geschichte schrieb, nicht Everybody's Darling war. Für seine tiefgehenden Sticheleien wurde der Polemiker gegen den Kaufwahn von der Industrial Designers Society of America sogar ausgeschlossen, später aber als "guiding light" rehabilitiert.

Das Licht, das Papanek mit seinen Ideen wies, haben hierzulande, wo sein Name beschämenderweise noch immer weitgehend Achselzucken auslöst, bisher nur einige wenige gesehen. Nachdem sich vor einigen Jahren die Wissenschafter Martina Fineder und Thomas Geisler emsig und erfolgreich auf Papaneks Spuren machten, sollte nun die vor kurzem ins Leben gerufene Victor J. Papanek Foundation an der Universität für angewandte Kunst endgültig dafür sorgen, dass Papanek nicht nur im Gedächtnis der Designszene seinen Fixplatz bekommt.

Hoffnung bis zum Ende

Forschungsleiterin ist die Professorin für Theorie und Geschichte des Designs, Alison J. Clarke. Herzstück der Foundation sind das erworbene Archiv und die Bibliothek von Papanek. Ziel der Organisation ist es, ein Verständnis von Design aus Sicht sozialer Verantwortung zu fördern, die Macht von Design auch als Denkprozess zu kommunizieren. Clark beschreibt Papanek als einen, der dumme Gadgets hasste, auch als einen Populisten, der Design als Möglichkeit der Veränderung für eine breite Masse sah. "Papanek ging es um Systeme, um Design als Organisationsprozess, um Gestaltung als etwas sehr breites", sagt Clarke. In diesem Sinne wird die Stiftung Lesungen veranstalten, auf dem Plan stehen Symposien, es gibt einen Beirat, gut 3000 Bücher aus dem Nachlass sowie persönliche Papiere und Manuskripte. Ferner ist für 2013 eine Ausstellung im Londoner Victoria and Albert Museum geplant, die auch in Wien zu sehen sein soll.

Ob Clarke glaubt, dass Papanek angesichts der tristen Weltlage als frustrierter Mann starb, will man von ihr wissen. "Soweit ich weiß, war Papanek bis zu seinem Lebensende optimistisch. Er glaubte an die Kraft der Lehren, die er verbreitet hat, und würde bestimmt noch immer Hoffnung haben." Schaut man sich die derzeit laufende Ausstellung Design for the real world Redux (mehr dazu auf Seite 20) im Wiener Heiligenkreuzerhof an, fällt es leichter, seinen Optimismus zu teilen. Vor allem wünscht man sich, auch andere Designer wären sich ihrer Verantwortung so bewusst wie die hier ausstellenden - denn wie Papanek meint, "Design ist das mächtigste Werkzeug, das die Menschheit je besessen hat, um Produkte, die eigene Umwelt und im erweiterten Sinne auch sich selbst zu gestalten". (Michael Hausenblas/Der Standard/rondo/02/12/2011)

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