Tote Krähe

29. März 2005, 15:10

Mit einer mysteriösen Redensart hat "Club Jörg"-Gründer Harald Fischl in einem Standard-Interview den momentanen Zustand der FPÖ charakterisiert: "Die Krähe ist tot".

Der Maurer kratzt ab, der Pfarrer segnet das Zeitliche, der Vegetarier beißt ins Gras, der Schauspieler tritt ab, der Musiker geht flöten, der Schaffner liegt in den letzten Zügen, aber wie drückt man taktvoll aus, was seit ein paar Tagen mit der FPÖ vor sich geht? Harald Fischl, seines Zeichens Initiator des - inzwischen aufgelösten - "Club Jörg", hat den Zustand mit dieser rätselhaften Formulierung charakterisiert: "Die Krähe ist tot".

Tote Krähe? Nie gehört. Die Sache mit dem toten Vogel lässt natürlich sofort an den berühmten Monty-Python-Sketch "Dead Parrot" denken, in dem ein gewisser Mister Praline (John Cleese) mit einem toten - oder scheintoten? - Papagei zum Tierhändler (Michael Palin) reklamieren geht: "Now that's what I call a dead parrot!" In der deutschen Synchronisation wurde dieser englische Dialog ins Plattdeutsche übertragen: "Der Vogel ist doud - hingefahren zu den Ahnen".

Der fragliche Vogel ist allerdings weder im englischen Original eine Krähe (sondern ein "Norwegian Blue") noch in der deutschen Synchronfassung (dort ist er ein "Norwegischer Jako"). Hat sich Fischl höchstpersönlich die Freiheit genommen, den Jako durch eine Krähe zu ersetzen? Oder ist die Redewendung mit der Krähe eine steirische Spezialität? Dem gewöhnlich gut informierten "Großen Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" von Lutz Röhrich ist eine "tote Krähe" jedenfalls nicht bekannt.

Vielleicht sollte man sich doch auf eine allgemein bekanntere, verbindlichere Sprachformel einigen: Der Maurer kratzt ab, der Pfarrer segnet das Zeitliche, und auch die FPÖ ist schon ganz blau im Gesicht.

Von
Christoph Winder

Winders Wörterbuch zur Gegenwart ist ein Work in Progress.

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