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Filmstar Kelly Lynch: Schöner wohnen in L.A.

Interview |
3. Februar 2017, 11:52

Die Schauspielerin, bekannt aus "Drugstore Cowboy" und "Drei Engel für Charlie", bewohnt in Los Angeles ein großartiges Haus des Architekten John Lautner. Sie beschützt es wie ein Juwel. Völlig zu Recht

Als der junge Architekt John Lautner 1938 das erste Mal nach Los Angeles kam, erschrak er dermaßen über die Hässlichkeit der Stadt, dass er erst einmal krank wurde. Wieder gesundet, beschloss er, die Stadt mit seinen einzigartigen Entwürfen zu verschönern. Zu diesen gehört auch die sogenannte Harvey Residence, in der heute die Schauspielerin Kelly Lynch mit ihrem Mann, dem Drehbuchautor und Produzenten Mitch Glazer, wohnt ("Lost in Translation", "Great Expectations").

Lange muss man den kurvenreichen Wild Oak Drive in Los Feliz hinauffahren, um die von Lautner erbaute Harvey Residence zu erreichen.Wie eine fliegende Untertasse sitzt das Haus auf dem Berg und fügt sich gleichzeitig in die Natur ein. Der Blick ist spektakulär. Zur rechten Seite des Baus über die Hügel hinweg kann man die großen, weißen Buchstaben des Hollywood-Signs erkennen, auf der linken Seite erblickt man das Griffith Park Observatory, wo James Dean in dem Film "Denn sie wissen nicht, was sie tun" herumlungerte.

Es ist früher Abend, das Licht golden und klar, und der warme Wüstenwind lässt die rosa beleuchteten Palmen, die das Haus umgeben, lebendig hin und her wehen. Hinter der dicken Messingtür, in der enormen kreisrunden Eingangshalle stehen Tische mit Kerzen und Blumen. Es herrscht reges Treiben. Letzte Vorbereitungen werden für ein Dinner für einhundert Gäste getroffen, das zu Ehren des Stars der Modeszene, Demna Gvasalia, dem neuen künstlerischen Leiter des Modeunternehmen Balenciaga, gegeben wird.

STANDARD: 100 Leute hört sich ganz schön nach Rambazamba an.

Kelly Lynch: Das Haus ist perfekt für Feste, aber auch perfekt als Location für Fotoshootings. Bruce Weber fotografierte hier die Kampagne für Abercrombie & Fitch, Mario Testino Werbekampagnen und Schauspielerinnen für die "Vogue". Als wir zur Jahrtausendwende eine Party gaben, kamen im Laufe des Abends und der Nacht vierhundert Gäste. Also einhundert, so wie heute, sind nicht ungewöhnlich, es verläuft sich ...

STANDARD: Sie setzen sich für die Erhaltung von Mid-Century-Häusern ein. Wann erwachte Ihr Interesse dafür?

Lynch: Schon als Kind begeisterte mich die Architektur in dem Cartoon "The Jetsons". Oft baute ich aus dem Piano ein minimalistisches, mehrstöckiges Haus für meine Barbie-Puppe. Ich unterteilte es mit Tüchern und richtete es sehr spärlich ein.

STANDARD: Sie wuchsen in Minnesota, in Minneapolis, auf. Wie kann man sich die architektonische Landschaft Ihrer Kindheit vorstellen?

Lynch: Es gab vor allem traditionell gebaute Häuser. Doch es gab ein Haus an einem See, das von Frank Lloyd Wright designt war. Noch nie zuvor hatte ich so etwas Fantastisches gesehen. Jedes Mal wenn wir daran vorbeifuhren, dachte ich mir: "Eines Tages will ich auch so leben."

STANDARD: Seit 1998 besitzen Sie und Ihr Mann dieses Haus, die Harvey Residence. Wie kam es dazu?

Lynch: Wir beide sind völlig vernarrt in Mid-Century-Häuser. Das harmonische Zusammenspiel vom Inneren dieser Häuser und der Verbindung mit der Natur ist perfekt. In der Sonntagsausgabe der "Los Angeles Times" entdeckten wir ein Foto in der Größe einer Briefmarke. Dabei stand: "John-Lautner-Haus zum Verkauf". Viel konnte man darauf nicht erkennen, es sah aus, als wäre es rund, mit einem Dach aus Teerpappe. Da "Open House" war, fuhren wir sofort hin. Schon als wir in die Auffahrt einbogen und diese unglaubliche Form und Größe des Hauses sahen, war es um uns geschehen. Haus und Garten waren total verwahrlost, die Teerpappe des Dachs über das ganze Grundstück verstreut. Der vorhergehende Besitzer kaufte das Haus 1978 bei einer Auktion um 150.000 Dollar. Gelebt hat er nie darin. Allein schon einer der sieben Luster, die in der Eingangshalle hängen, sind 150.000 Dollar wert. Die sind übrigens aus österreichischem Kristall, wahnsinnig schwer.

STANDARD: Wer ließ das Haus bauen? Und wann war das?

Lynch: Ein Industrieller namens Leo Harvey, ein kleiner, dünner Mann mit großen Visionen, und seine Frau kauften das Grundstück im Jahre 1948. Es misst 12.000 Quadratmeter, ein kleiner Berg hier mitten in Los Feliz. Harveys beauftragten John Lautner mit dem Projekt. Die Ausführung dauerte zwei Jahre, 1949 und 1950, und kostete zwei Millionen Dollar. Auf heute umgemünzt wären das 20 Millionen Dollar.

foto: florian schaugg

STANDARD: War Lautner damals schon ein bekannter und etablierter Architekt?

Lynch: Es war seine erste große Auftragsarbeit. Vorher arbeitete er von 1940 bis 1945 als Bauleiter für Frank Lloyd Wright. Er steckte, so wie viele Architekten, in finanziellen Schwierigkeiten. Seine Tochter Judy erzählte uns, dass es zeitweise nur Bohnen und Brot zum Abendessen gab, weil sie so arm waren. Als Lautner den ersten großen Scheck von Harvey bekam, war er sehr erleichtert.

STANDARD: Wie eng war die Zusammenarbeit zwischen Lautner und Harvey?

Lynch: Harvey tauchte wie ein Engel in Lautners Leben auf, entwickelte sich aber immer mehr zu einem Monster. Es gab große Diskrepanzen: Harvey wollte, dass sein Haus nach Geld aussah, er wollte es "glitzy". Lautner wollte es so minimalistisch wie möglich, einfache und moderne Materialien, viel Beton und Naturstein. Sie einigten sich auf Marmorbäder und Marmorkamine aus einem ganz speziellen, seltenen rosa Marmor und auf exotische Mahagonihölzer, eine Art, die man heute nicht mehr bekommen kann. Einen Tag nachdem das Haus fertig wurde, füllten es die Harveys mit Rodin-Reproduktionen, Samtbildern, Teppichen und dicken Vorhängen. Es wurde zum Kitschland. Man sah nichts mehr von der wunderschönen Holzverkleidung, und als Mitch und ich begannen, das Haus zu restaurieren, fanden wir viele kleine Löcher in dem edlen Holz, wo die Bilder aufgehängt waren. Auf alten Fotos kann man die Einrichtung sehen, aber als wir das Haus kauften, war es leer.

STANDARD: Wie viel kostete das Haus 1998?

Lynch: Es war teuer. 1,5 Millionen Dollar. Beide, meine Mutter und meine Manager, flehten uns an, es nicht zu kaufen. Sie warnten uns vor dem finanziellen Ruin. Wir sahen nur die Schönheit des Hauses und wollten es retten.

STANDARD: Wo lagen die größten Schwierigkeiten bei den Restaurationsarbeiten?

Lynch: Dass die Patina des Hauses nicht verlorengeht. Wir hätten es bis zum Skelett abreißen und mit ähnlichen Materialien wieder aufbauen können. Aber es wäre nicht mehr dasselbe Haus gewesen, es hätte seine Seele verloren. Es gefiel uns, dass man das Alter des Hauses sah, da es eine Geschichte erzählt – ähnlich dem Gesicht einer Frau: Pflege es, aber fang bloß nicht an, daran herumzuschnipseln, denn es wird disharmonisch. Ein Haus wie dieses ist eine Lebensaufgabe. Die Restaurierung hört nie auf.

STANDARD: Wie richtet man so ein Haus ein?

Lynch: Das war allerdings wirklich schwierig. Meine Tochter Shane besang das Haus mit dem "Addams Family"-Lied: "Their house is a museum – were people come to see 'em – they really are a scream ..."

STANDARD: Vor allem der riesige, runde Eingangsraum. Ließen Sie ihn deshalb so leer?

Lynch: Meine Freundin Sofia Coppola, die auch ein Mid-Century-Haus besitzt und einen Steinschlag entfernt lebt, gab uns einen guten Rat, nachdem ich jammerte, weil ich nicht wusste, wie ich diesen Raum einrichten sollte. Er wirkte wie ein Ballsaal oder eine Hotellobby. Sie meinte nur: "Na, lass ihn wie eine Hotellobby – ergänze lediglich eine kleine Sitzecke." Und so machten wir es. Der Raum ist perfekt für Abendessen, durch die 180-Grad-Glaswände hat man einen atemberaubenden Blick über die Stadt. An und für sich ist das Haus gar nicht so groß, es hat zwei Schlafzimmer, ein Büro und noch eine Art Wohnzimmer.

foto: florian schaugg

STANDARD: Wie haben Sie den Rest des Hauses eingerichtet?

Lynch: Sehr minimalistisch, mit Klassikern von Mies van der Rohe und Le Corbusier. Ich würde es eigentlich gerne mit Gio-Ponti-Design füllen. Lautner und Ponti wären sicher eine gute Kombination.

STANDARD: Steht das Haus heute eigentlich unter Denkmalschutz?

Lynch: Es ist historisch registriert und dadurch geschützt. John Lautner fürchtete, dass alles, was er einmal gebaut hat, in Vergessenheit geraten und zu Staub und Asche zerfallen würde.

STANDARD: Wie viel ist Ihr Haus heute wert?

Lynch: Um die 30 Millionen Dollar. Wir haben es nicht als Investition gekauft, sondern weil wir uns in dieses Haus regelrecht verliebt haben und nicht wollten, dass es abgerissen wird. Es ist ein Juwel, eine dreidimensionale Skulptur. Hier bleiben wir bis an unser Lebensende. (Cordula Reyer, RONDO Open Haus, 3.2.2016)