, Petra Stuiber

Frauenfrage

Politikerinnen und Journalistinnen, die öffentlichen Raum beanspruchen, werden besonders oft und besonders tief beleidigt. Die Zahl ihrer Verteidiger ist freilich begrenzt

Mindestens drei Personen auf dem Bild sind Zielscheibe sexistischer Beschimpfungen: Erraten Sie, welche?

foto: apa / hochmuth

Momentan ist es gerade wieder etwas ruhiger rund um das Wiener Rathaus – wenn man vom lärmenden Christkindlmarkt vor der Tür einmal absieht. Die Funktionäre der Wiener SPÖ, die in den vergangenen Wochen laut geworden sind, scheinen sich ein wenig beruhigt zu haben – oder sie sind ein wenig erschöpft vom Dauerfeuer der eigenen Kritik, ruhen sich aus, um demnächst erneut, und noch kräftiger, zuzuschlagen.

Es wäre eine Illusion zu glauben, dass der Sieg Alexander Van der Bellens bei der Bundespräsidentenwahl oder das "Machtwort" von Bürgermeister Michael Häupl viel zum besseren gegenseitigen Verständnis in der Partei beigetragen hat.

Macht und Fördergeld

Die permanenten Attacken der "Krone" auf die Stadträtinnen Renate Brauner, Sandra Frauenberger und Sonja Wehsely haben ihren Ursprung in der nach wie vor ausgezeichneten Gesprächsbasis zwischen "Krone"-Führung und Faymann-Leuten. Die "Krone" macht das natürlich nicht aus Altruismus, sondern weil sie von jener Medienpolitik massiv profitiert hat, für die der ehemalige Kanzler und sein Adlatus Josef Ostermayer stehen, und weil sie vorsorgen möchte, dass das Förderbächlein auch in Zukunft fließt.

Auch der Wiener Magistrat wird eine gewisse Rolle spielen, wenn der Boulevard das Wiener Gesundheitswesen systematisch krankschreibt: Wird die von Wehsely geplante Ausgliederung des Krankenanstaltenverbunds Realität, verlieren Wiens mächtige Rathaus-Bürokraten auf einen Schlag die Kontrolle über 30.000 Beschäftigte – eine beinharte Machtfrage. Klar, dass da mit harten Bandagen gekämpft wird.

Unterstes Niveau

Unerträglich und inakzeptabel ist allerdings der dreckige, untergriffige Ton, der dabei angeschlagen wird – vornehmlich in den sozialen Netzwerken, die sich immer häufiger als "asoziale Netzwerke" profilieren (Copyright Politikberater Thomas Hofer). Es geht um den Kleidungsstil ("schiache rote Sakkos"), Stammtisch-Schwiegermutterwitz-Jargon ("Schreckschraube"), Abklassifizierung ("Proletin") und nicht zuletzt um Sexismus, dass einem Hören und Sehen vergeht.

Das reicht von Beschimpfungen der weiblichen Geschlechtsteile bis hin zu Mutmaßungen, wer denn überhaupt noch mit "denen" intim sein wolle, et cetera. Kein Schmutzkübel wird ausgelassen, mit allem Unsäglichen wird geworfen.

Freiwild Journalistinnen

Diese Diffamierung von Frauen eines bestimmten Typs, die aufzeigen, teils auch laut und bestimmt auftreten und dadurch polarisieren, ist nicht auf Politikerinnen beschränkt. Im Präsidentschaftswahlkampf waren etwa Journalistinnen für Hofer-Fans auf Facebook Freiwild.

Da wurde gedroht, diffamiert, politische Nähe unterstellt, wo keine war – keine (anonyme) Unterstellung war zu niederträchtig, um nicht niedergeschrieben zu werden. Kein Wunder, dass Ingrid Thurnher bei ihrer Moderation der letzten ORF-TV-Konfrontation Zeichen von Genervtheit zeigte. Auch Puls-4-Moderatorin Corinna Milborn erzählte von überaus persönlichen Attacken via Facebook, wann immer sie einen FPÖ-Politiker interviewe.

Freilich ist das Niedermachen von Frauen, die öffentlichen Raum beanspruchen, kein österreichisches Spezifikum, sondern ein weltweites Phänomen. Sei es Donald Trumps Twitter-Attacke auf Hillary Clinton, die "nicht einmal ihren Ehemann befriedigen kann", sei es Jan Böhmermanns jüngstes sexistisches Scherzchen auf Claudia Roths Kosten: Die Palette der Ungeheuerlichkeiten ist groß. Frauen in Führungspositionen – das geht noch immer nicht zusammen mit dem Frauenbild in der Gesellschaft. Entweder, "sie" ist der mütterliche Typ à la Waltraud Klasnic oder Angela Merkel, oder "sie" wird gnadenlos sexualisiert und dämonisiert.

Wo sind die Beschützer?

Beschämend ist das nicht für die betroffenen Frauen, sondern in erster Linie für jene, die so etwas schreiben oder billigend unterstützen. Und auch für jene, die sich gerne als Verteidiger von Frauenrechten aufspielen, wenn es in Wahrheit darum geht, Ausländer aus dem und Flüchtlinge nicht ins Land zu lassen.

Im Wiener Fall sind die sexistischen Beschimpfungen der roten Stadträtinnen auch für den Bürgermeister kein Renommee. Häupl fiel zuletzt nichts Besseres ein, als in einem Radiointerview zu sagen, "seine" drei Stadträtinnen seien "frau genug, sich selbst zu verteidigen". (Petra Stuiber, 9.12.2016)

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