, Gianluca Wallisch

Piaggio MP3: Wir nehmen dem Eis den Schrecken

Der 500-Kubik-Dreiradler aus Italien hat das Zeug dazu, als Ganzjahresfahrzeug eingesetzt zu werden.

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foto: oxfordproducts.com
tucano urbano
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piaggio
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foto: heidenau
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Zugegeben: Motorrad- oder Rollerfahren im Winter ist nicht nach jedermanns Geschmack. Aber wenn man trotzdem will – oder muss –, dann gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, sich selbst das Leben etwas leichter zu machen. Das fängt schon bei der Auswahl des passenden fahrbaren Untersatzes an: Da bietet sich zum Beispiel die Piaggio MP3 500ie LT Sport an.

Jajaja... ich höre schon die Einwände: Das sei kein Roller, schon gar nicht ein Motorrad, sondern ein DREIrad! Stimmt. Und dann auch wieder nicht. Die MP3 hat freilich drei Reifen, ist aber kein Kinderspielzeug, sondern eine ernstzunehmende Alternative. Zumindest im Stadtverkehr. Zumal sie mit B-Führerschein – also jenem für Autofahrer! – gefahren werden darf.

Im Fahrbetrieb fühlt sich die MP3 kaum anders an als andere Großraumroller – mit dem feinen Unterschied, dass der Grip in der Kurve sagenhaft ist. Kein Wunder, da es ja zwei Reifen gibt, die Führungs- und Fliehkräfte aufnehmen und dementsprechend leichter verarbeiten können. Einzig im Stop-and-Go-Verkehr und beim Rangieren merkt man das hohe Gewicht auf den beiden Vorderachsen: Ein normaler Roller lässt sich leichter manövrieren.

Legen und schieben

Während das Sich-in-die-Kurve-Legen eindeutig vom Motorradfahren kommt, ist das Fahrverhalten in der Kurve vielmehr das eines Pkw mit Vorderradantrieb: Wenn man zu schnell ist, schiebt die Fuhre über die Vorderräder. Sie untersteuert! Das allerdings bei Geschwindigkeiten, bei denen man sich bei anderen Mopeds schon überlegen darf, ob man lieber via Highsider oder doch Lowsider einen Abgang macht.

Ein Blick unter die Verkleidung offenbart ein recht komplex anmutendes Gebilde aus Hebeln, Gelenken und Federn. Dieses sorgt dafür, dass die MP3 auch bei Kurvenneigung die beiden Räder (annähernd) parallel führt. A propos Neigung: Laut Piaggio ist das System dafür vorgesehen, Kurvenwinkel bis zu 26,69 Grad zuzulassen. Für Rossi, Marquez und Viñales mag das nicht so rasend viel sein. Für Normalsterbliche auf Normalstraßen ist das aber schon sehr ordentlich.

Die Bremsen und der Antrieb sind standesgemäß modern: ABS und ASR halten die Mühle im Zaum und im zivilen Rahmen urbaner Mobilität. Die Antischlupfregelung kann aber deaktiviert werden, was bei Feuchtigkeit zu schön kontrollierbaren Drifts beim Rausbeschleunigen aus den Kurven führen kann. Hach, die boboeske Unvernunft...

Die drei Radln haben aber nicht nur beim Fahren so machen Vorteil, sondern auch beim Stehen: Die Achsarretierung, die mittels Knopf am Lenker mit lautem Gepiepse aktiviert werden kann, erlaubt ein Stehenbleiben ohne Absetzen der Füße. Sehr praktisch, wenn es regnet und/oder kalt ist und man/frau am liebsten unter der Thermoscud-Decke bleibt, von der gleich noch – Stichwort Winter – die Rede sein wird.

Wie beim Auto

Da die MP3 B-Schein-tauglich ist, muss sie auch mit einer Bremsenanlage ausgestattet sein, die dem habituellen Autofahrer geläufig ist: nämlich mit einer Fußbremse. Diese kann man getrost ignorieren, da die beiden Hebel am Lenker beste Dienste verrichten. Das Fußpedal ist optional zu verwenden und muss beheerzt bedient werden, um eine Bremswirkung zu erreichen, die man mit den Fingerhebeln mit viel geringerem Kraftaufwand erezielen kann.

Ebenfalls aus der Welt der Autos ist die Handbremse, oder besser: Feststellbremse. Es handelt sich um einen senkrechten Aluminiumhebel zwischen Lenker und Tankstutzen. Wird dieser nach oben geklappt, so werden die Vorderräder arretiert, und die MP3 kann nicht davonrollen. Sehr vernünftig, wenn man den Roller nicht auf den Hauptständer hieven will, sondern faul-bequem darauf vertraut, dass drei Räder nicht von selbst umfallen können. So wie ein Hocker im Bad. Mehr oder weniger.

Ordentlich Durchzug

Gute Laune macht der Motor. Der 500er bringt knapp 50 Newtonmeter auf den Untergrund, damit lässt es sich schon gut leben im urbanen Raum und ein bisschen drüber hinaus. Bloß direkt beim Anfahren gibt er sich ein paar Sekundenbruchteile unwillig, aber dann zieht er schön hoch und sorgt dank ausreichend dimensionierter Variomatik für ordentlichen Vortrieb. Piaggio spricht selbst von einem "sportlichen Kraftpaket"... nun, das stimmt so nicht ganz, aber die Fahrleistungen sind jedenfalls mehr als ausreichend.

Auch in Sachen Komfort kann man an der MP3 nichts bemängeln. Das Windshield hält Wind und Wetter ab, und zwar nicht nur vom Oberkörper, sondern weitgehend auch von der Kopfregion. Autobahntempo mit Jethelm ist problemlos möglich, wenn man nicht grad – so wie der Glu – mit 190cm Körpergröße oder mehr liebäugelt. Das Windshield ist auch im unteren Bereich so breit, dass der Wind außen an den Händen vorbeigeleitet wird. Daher sind Heizgriffe kaum jemals nötig. Bis ca. +3 Grad hätte ich sie nicht vermisst.

Platz bietet die MP3 genug, sowohl für Fahrer/in als auch für Sozia/us. Die Sitzhöhe von 79 cm sollte niemanden in arge Verlegenheit bringen, und die beiden Sitzbänke sind mit 37 cm bzw. 39 cm Länge sehr großzügig dimensioniert. Die Sozia sitzt dermaßen weit hinten, dass man ab und zu sogar vergisst, dass man sie mithat.

In Sachen Platzangebot setzt Piaggio alles daran, vergessen zu machen, dass es bei der Vespa nichts davon gibt. Die MP3 verfügt über eine riesige Höhle unter der Sitzbank, in der mindestens zwei Jethelme Platz haben, je nach Modell sollten sich auch Integralhelme ausgehen. Die Höhle ist auch beleuchtet, sehr gut mitgedacht!

Alles trocken, und sogar mit Strom

Das Cockpit vorne ist ebenfalls mit allem ausgestattet, was man so braucht, und noch mehr. Überkomplett sind die Anzeigen in analoger und digitaler Form, sogar ein Bordcomputer ist da. Und falls es einmal regnen sollte, kann man das Smartphone und andere empfindliche Gegenstände schnell und wasserdicht in einem Handschuhfach verstauen, das auch USB-Anschluss hat. Dieses lässt sich allerdings nicht versperren, daher sollte man dort nichts Wertvolles liegen lassen.

Insgesamt handelt es sich bei der MP3 um ein sehr ausgereiftes Fahrzeug, das nicht ohne gute Gründe in Italien und Frankreich ordentliche Verkaufszahlen erzielt. Sie ist sicher nicht in erster Linie für Motorrad- oder Roller-Puristen gedacht, schafft es aber, ziemlich viele Leute aus dieser Gruppe – zumindest teilweise – zu überzeugen. Die MP3 wendet sich – so wie ihre dreirädigen Artgenossen von Gilera und Peugeot – an solche Leute, die etwas Neues ausprobieren wollen, gern unkonventionell sind, keinen A-Schein haben. Nachteile: Hat die MP3 kaum. Vorteile: siehe oben.

Winter is coming... oder er ist schon längst da.

Als wir die MP3 testeten, fing der Winter erst an, konnte aber nicht für Schrecken sorgen. Vielmehr hat die MP3 das Potenzial, ein Winterschreck zu sein. Da sind einmal das sehr effiziente Windshield und die Karosserieverkleidung im unteren Bereich. Die sorgen dafür, dass man von atmosphärischen Widrigkeiten von Haus aus wenig mitbekommt. Gut im Winter, schlecht im Sommer, wo ein bisschen Fahrwind eher willkommen ist.

Lohnende – und leistbare – Investitionen für die MP3 (und jeden anderen Roller), sofern man im Winter fahren will: Zunächst einmal Heizgriffe: Zwar sind die Hände von Fahrwind recht gut geschützt, aber die wohlige Wärme in Handflächen und Fingerspitzen will man nicht mehr missen, sobald man das erst einmal ausprobiert hat. Solche Heizgriffe – z.B. von der britischen Firma Oxford Products – kosten nicht die Welt und sind mit etwas Geschick auch recht schnell selbst moniert. Die meisten Roller haben im Bereich der Frontschütze einen (unbelegten) Stecker für eine etwaige Alarmanlage o.ä. Ruckzuck angeschlossen, schon hat man auf Knopfdruck warme Hände. Bezugsquelle für die MP3: Entweder direkt beim Importeur/Händler, im allgemein bekannten Zubehörhandel oder direkt auf der Herstellerseite (hier klicken). Dort findet man auch die megahässlichen, aber leider sehr effizienten Griff-Stulpen aus Neopren.

Und damit es unten herum nicht kalt wird, empfiehlt sich eine Beindecke, ähnlich wie sie von den Wiener Fiakern verwendet wird. Diese gibt es von verschiedenen Firmen, am liebevollsten widmet man sich bei Tucano Urbano (hier klicken) dieses Themas. Für fast alle gängigen Roller – uns so manches Motorrad – haben die kälteempfindlichen Italiener Decken maßgeschneidert, die man fix am Gerät belassen kann. Wenn man den integrierten Latz für den Oberkörper ausklappt und überstreift, kann es sogar heftig regen, man wird weitgehend trocken bleiben – sofern man eine wasserdichte Jacke oder einen Parka trägt. Auch daran hat man bei Tucano Urbano gedacht. Piaggio-Importeur Faber hat etliche im Sortiment, alle mit Protektoren. Und alle so geschnitten, dass man nicht vermuten würde, dass dieser Mantel eigentlich fürs Motorradfahren gedacht ist. Ähnlichen Urban-Chic mit Protektoren gibt's sonst eher selten, am ehesten noch von der Schweizer Firma IXS (keine Gewähr für Vollständigkeit).

Die Sache mit der Griffigkeit

Ohne Grip geht gar nichts. Im Sommer nicht und schon gar nicht im Winter. Der deutsche Hersteller Heidenau (hier klicken) hat sich schon vor Jahren auf Nischenprodukte im Reifensektor spezialisiert und gilt heute als Marktführer in Sachen Winterbereifung für Zweiräder. Ähnlich wie aus dem Automobilbereich bekannt, gibt es für Scooter Lamellenreifen mit einer besonderen Gummimischung in diversen – aber leider nicht allen – gängigen Dimensionen.

"Basismodell" ist der K58 mod. M+S Snowtex, später wurde auch der K66 LT M+S Silica (SiO2) ins Sortiment genommen. Der Unterschied zu einem sehr guten Standardreifen wie z.B. dem Michelin City Grip, der auf abertausenden Rollern montiert ist, ist bei Nässe eklatant. Aber auch im Trockenen spielt er bei niedrigen Temperaturen (ab ca. 10 Grad oder weniger) seine Stärken aus. Pickt verlässlich, wo sich Sommerreifen wegen ihrer härteren Mischung wie aus Holz anfühlen.

Ähnlich aufgebaut ist der Continental Conti Move 365 (hier klicken), der vor einigen Jahren präsentiert wurde (aber mittlerweile anscheinend wieder aus dem Programm genommen wurde bzw. in Österreich nur schwer aufzutreiben ist). Weniger radikal in der Profilgestaltung geben sich der deutsche Metzeler Feelfree Wintec (hier klicken) und der französische Michelin City Grip Winter (cliquez ici). Vor allem aus dem Motocross- und Mountainbike-Sektor ist die japanische Firma IRC bekannt. Sie bietet auch wintertaugliche Scooter-Patscherl unter dem Namen IRC Urbansnow (hier klicken) an. Aus Slowenien kommt der bespikebare Mitas MC32 Win Scoot (hier klicken), und sogar der italienische Motocross- und Supermotospezialist Goldentyre hat unter der Bezeichnung GT 75 M+S RF Winter Scooter (hier klicken) etwas im Programm.

Natürlich haben auch diese Reifen ihre Grenzen: Es handelt sich durchweg um WINTER-Reifen, nicht um SCHNEE-Reifen. Da sollte man sich von der Lamellenstruktur der Pneus nicht irreführen lassen. Der Grip auf Schnee ist (ausprobiert auf der eigenen Vespa GTS) zwar besser als mit herkömmlichen Reifen, das Fahren auf öffentlichen Straßen bleibt bei Schneelage dennoch ein gewagtes, oft leichtsinniges Spiel.

Übrigens: Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in Österreich für Motorräder keine "situative" Winterreifenpflicht, wie wir sie bei den Autos seit einigen Jahren kennen. Wahrscheinlich kann sich der Gesetzgeber nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die sich rund um den Gefrierpunkt freiwillig (oder nicht) auf einen Scooter oder ein Motorrad setzen. Tja, da hat sich der Gesetzgeber aber ganz schön getäuscht. (Gianluca Wallisch, 20.1.2017)

Technische Daten und Preis (Herstellerangaben)

Motor: 1-Zylinder 4-Takt 4-Ventil
Kühlung: flüssigkeitsgekühlt
Hubraum: 493 ccm
Max. Leistung: 40,1 PS (29,5 kW) bei 7.250 U/min
Max. Drehmoment: 46,5 Nm bei 5.250 U/min
Max. Geschwindigkeit: ~ 142 km/h
Starter: Elektrisch
Getriebe: Automatikgetriebe mit stufenloser Variomatik
Vorderradaufhängung: Parallelogramm mit Einzelradaufhängung
Hinterradaufhängung: 2 Hydraulikstoßdämpfer mit 4-fach einstellbarer Federvorspannung
Bremse vorne: 2x Ø 258 mm Scheibenbremse
Bremse hinten: Ø 240 mm Scheibenbremse
Bereifung vorne: 2x 110/70 13"
Bereifung hinten: 140/70 14"
Länge/Breite/Höhe: 2.205/775/1.405 mm
Radstand: 1.540 mm
Sitzhöhe: 790 mm
Eigengewicht fahrf.: 280 kg
Zul. Gesamtgewicht: 460 kg
Tankvolumen: 12 Liter
Abgasnorm: Euro 2
Ausstattung: serienmäßiges 2-Kanal ABS und ASR, USB Anschluss im Handschuhfach, LED-Tagfahrlicht


Preis: Momentan (Winter 2016/2017): € 8.999,- (Listenpreis € 10.599,-)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

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