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Keine Gnade für Melania Trump

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24. Jänner 2017, 17:12

Die neue First Lady wird hemmungslos verhöhnt und ist sexistischen Untergriffen ausgesetzt, die normalerweise einen berechtigten Aufschrei verursachen würden

"Als First Lady möchte ich etwas für Kinder tun. Ich möchte mich für jene einsetzen, die Cyberbullying erleben. Es passieren schreckliche Dinge im Netz, das muss man ändern." Man stelle sich vor, dieses Bekenntnis stammte von Michelle Obama. Wie würde die Netzgemeinde jubeln. Endlich sitzt eine First Lady im Weißen Haus, die sich dieses Themas annimmt. Die Hatespeech im Netz und Cybermobbing ernst nimmt und es zu ihrer Aufgabe machen möchte, dagegen aufzutreten. Den Opfern Gehör zu verschaffen, Solidarität zu zeigen und Hilfe anzubieten. Ihre Initiative würde die Unterstützung Prominenter erfahren, etliche Journalistinnen, die durch ihre Arbeit mit sexualisierten Hasskommentaren konfrontiert sind, würden die Dringlichkeit des Themas hervorheben, ihr Anliegen angesichts der Aktualität loben.

In den USA haben laut einer Studie 2013 bis zu 70 Prozent der Schüler Erfahrungen mit Internetmobbing machen müssen. In Österreich ist jeder fünfte Schüler betroffen. Cybermobbing kann schwere Folgen für die Opfer haben. Depressionen, Essstörungen bis hin zum Suizid. Mädchen, das geht aus allen Untersuchungen hervor, sind stärker davon betroffen als ihre männlichen Mitschüler. Ein wichtiges Thema also für eine First Lady, würden die Polit-Kommentatoren befinden. Wenn das Bekenntnis dazu von Michelle Obama kommen würde. Tut es aber nicht.

Selbsternannte Befreier

Es stammt von Melania Trump, die kurz vor der US-Wahl öffentlich erklärt hat, sich im Falle eines Wahlerfolges gegen Cyberbullying einzusetzen. Und sieht man sich die aktuellen Wortmeldungen auf Social Media an, dann weiß Melania Trump mittlerweile bei diesem Thema leider selbst zu gut, wovon sie spricht. Spätestens seit der Angelobung ihres Mannes als 45. Präsident der USA kursiert der Hashtag #freemelania auf Twitter. Auf Facebook wurden etliche gleichnamige Gruppen gegründet. Der Tenor der Wortmeldungen lautet, dass man Melania aus ihrer Ehe mit dem Ungeheuer Trump befreien müsse. Etliche Fotos der Angelobungsfeier werden als Beweis dafür geliefert, wie unglücklich Frau Trump in ihrer Ehe ist und wie sehr ihr Mann sie verachten würde.

Ihre steinerne Miene während der Angelobung würde Bände sprechen. Beim Aussteigen aus dem Wagen sei Donald Trump vorausgegangen und hätte ihr nicht einmal die Tür aufgehalten. Als die Obamas sie begrüßten, hätte er sie ignoriert. Im blauen Tiffany-Paket, das Melania Trump der Tradition gemäß der scheidenden First Lady als Geschenk überreicht hat, sei ein Zettel gelegen mit der Aufschrift "Help". Das ist natürlich alles Satire, und die darf vieles. Aber es wundert dann doch, wie oft dabei Grenzen überschritten werden. So schlägt man vor, Melania doch zu erklären, wie man auf Englisch help buchstabieren würde. Man analysiert ihre Körperhaltung und ihre Mimik, die voller Angst und Panik sei. Erkundigt sich aber gleichzeitig nach dem Preis, den ihr Donald Trump pro Nacht bezahlen würde und hängt noch ein Smiley an.

Frauenverachtung ohne Limit

Da wird eine Frau verhöhnt, weil sie Englisch mit Akzent spricht. Etwas, das bei Arnie übrigens als charmant galt. Da werden sexistische Untergriffe hemmungslos vom Stapel gelassen, die sonst berechtigterweise zu einem Aufschrei führen würden. Da wird häusliche Gewalt verharmlost und für Satire missbraucht. Denn bei Melania Trump darf man das. Sie ist schließlich selbst mit einem sexistischen, xenophoben, narzisstischen Mann verheiratet. Oder wie Anderson Cooper ihre Initiative gegen Cybermobbing flapsig kommentierte: Doesn't this start at home? Isn't the problem at her own dinner table? An Melania Trump, so scheint es, können alle ihre Frauenverachtung mal so richtig abarbeiten. Ohne Konsequenz.

Schon während des Wahlkampfes hat das Feuilleton die Nase über die dritte Ehefrau des Immobilientycoons gerümpft. Sie hätte keinen Stil, keinen Geschmack, keine Würde. Kein akzentfreies Englisch. Alles an ihr sei zu protzig, zu prollig, zu primitiv. Leopardenmuster, Goldketten, grelles Make-up. Die Schönheitsoperationen, ihre Mimik, ihr Gesichtsausdruck, so versteinert, so künstlich, so kalt.

Und dann die Nacktfotos. Immer wieder und immer öfter tauchten sie auf und tun es noch, seit sie First Lady ist. Genüsslich werden sie selbst in seriösen Nachrichtensendungen eingeblendet, um zu zeigen: Diese Frau gehört nicht ins Weiße Haus. Als man Melania Trump mit ihnen konfrontierte, um eine Rechtfertigung dafür zu erhalten, verweigerte sie diese den Journalisten. Im Gegenteil. Sie sei stolz auf die Bilder, gab sie zu Protokoll, auf ihren Körper und auf sich. Der Job als Model sei harte Arbeit gewesen, und sie hätte stets hart gearbeitet, um sich ihren American Dream zu verwirklichen.

Eine Frau, die nackt posiert, die als Model arbeitet, darf sich keine Anerkennung erwarten – und erst recht keinen Respekt. Leicht bekleidete Frauenkörper werden für Tourismusfolder verwendet, für Autohauswerbungen und Anzeigen von ruralen Decorcentern. Die Frauen, deren Körper hier ausgestellt werden, erleben jedoch Spott, Häme, Verachtung. Barbara Bushs Beruf war Präsidentengattin und später Präsidentenmutter. Niemand hätte sie dafür öffentlich auch nur ansatzweise derart verachtet wie es die aktuelle First Lady nun erlebt. Melania Trump wird entweder als unmündiges, fremdbestimmtes Opfer präsentiert, das einem brutalen Mann ausgesetzt ist und sich nicht retten kann. Oder als Mittäterin, der vorgeworfen wird, ihren Ehemann nicht im Griff zu haben, wodurch dessen Verfehlungen zu ihren eigenen werden.

In beiden Fällen gibt es keine Gnade für sie. (Barbara Kaufmann, 24.1.2017)