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Auf der Suche nach einer Sprache, die nicht diskriminiert

31. Jänner 2017, 09:00

Feministische Debatten über Sprache beschränken sich längst nicht mehr auf das Binnen-I. An einer differenzierten Sprachpraxis hagelt es Kritik von allen Seiten

Feminismus, das ist immer auch geschlechtergerechte Sprache. Kaum eine Polemik gegen Frauenrechtskämpfe oder "Genderwahn" kommt ohne einen Verweis auf das Binnen-I aus, die rechtspopulistische AfD hat ein Stoppen der "Verunstaltung der deutschen Sprache" sogar in ihrem Parteiprogramm verankert.

Aber nicht nur rechte Parteien und Leserbrief-Initiativen stellen sich mit großem Eifer gegen einen geschlechtersensiblen Sprachgebrauch, auch innerhalb feministischer Bewegungen wird Kritik an bestimmten sprachlichen Formen und den dahinterstehenden Konzepten geübt. "Es ist gar nicht so leicht, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Denn dort spricht frau in Dogmen und Rätseln, Sternchen und Unterstrichen. Die Sprache (…) ist so normiert und spezialisiert, dass auch Akademikerinnen kaum folgen können", war jüngst in einem Artikel der "Emma" zu lesen, in dem sogenannte Netzfeministinnen kurzerhand zu "Hetzfeministinnen" erklärt wurden.

Feministischer Redaktionsalltag

Teil der netzfeministischen Szene sei das deutsche "Missy Magazine", das der "Emma"-Redaktion unter anderem aufgrund seiner konsequent antirassistischen Haltung und der Ablehnung eines Sexarbeitsverbots ein Dorn im Auge ist. "Diskriminierende Sprache zu vermeiden bedeutet vor allem, die Perspektiven jener Personen ernst zu nehmen, über die gesprochen wird", sagt Vina Yun, die aktuell als Redakteurin bei "Missy" tätig ist und auch schon für dieStandard.at und das feministische Magazin "Anschläge" gearbeitet hat.

Bei "Missy" gebe es einige wenige Regeln und Schreibkonventionen, erzählt Yun aus dem Redaktionsalltag. So wird in dem Magazin für "Pop, Politik und Feminismus" die Sternchen-Schreibweise ("Autor*innen") dem Binnen-I und dem Unterstrich vorgezogen, wenn alle Geschlechter gemeint sind, "Schwarz" wird mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben, weil es nicht einfach um ein Adjektiv, das ein äußeres Erscheinungsmerkmal beschreibt, sondern um eine politische Selbstdefinition gehe. LeserInnen, die mit dieser Sprache nicht vertraut sind, finden auf der Website des Magazins eine Liste mit kurzen Erklärungen zu Begriffen wie "People of Color", "Cis" und "genderfluid".

Sprachverhalten reflektieren

"Viele jammern, dass das zu kompliziert sei, aber das stimmt so nicht. 'Anstrengend' ist es ja nur für jene, die davor noch keinen Gedanken daran verschwendet haben und sich jetzt der Kritik ausgesetzt sehen, ihr Sprachverhalten zu reflektieren", sagt Yun.

Über die heftigen Reaktionen, die geschlechtersensibler Sprachgebrauch beziehungsweise politische Korrektheit – mittlerweile Kampfbegriff der Rechten – auslösen, ist Susanne Hochreiter, Wissenschafterin am Institut für Germanistik der Universität Wien, wenig verwundert. Schließlich werde das, was gesellschaftlich als "normal" und unhinterfragbar gelte, plötzlich infrage gestellt – und damit einhergehend auch Privilegien bestimmter Personengruppen. "Wenn man sich anschaut, wer sich am meisten darüber erbost, sind es nicht gerade Menschen, die soziale Ungleichheiten bekämpfen möchten", sagt Hochreiter.

Politisch korrekt

Aber auch für politische Kampagnen eignet sich die Revolte gegen vermeintliche Denk- und Sprechverbote hervorragend – wie US-Präsident Donald Trump zuletzt eindrucksvoll bewiesen hat. Trump behauptete, dass die herrschende Elite die drängendsten gesellschaftlichen Probleme nicht nur nicht lösen, sondern auch versuchen würde, Menschen daran zu hindern, diese Probleme auch nur anzusprechen, schreibt Moira Weigel im "Guardian". Die Autorin hat der Geschichte der Political Correctness im angloamerikanischen Raum nachgespürt und kommt zu dem Schluss, dass der Terminus immer schon ironisch verwendet wurde – und zwar zunächst innerhalb der Linken. Erst in den 1990er-Jahren wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als einen der ersten einflussreichen Artikel zum Thema nennt Weigel den Text des "New York Times"-Reporters Richard Bernstein, der vor einer "Rising Hegemony of the Politically Correct" an US-amerikanischen Universitäten warnte.

Keine Fleißaufgabe

Universitäten stehen als Orte der Theorieproduktion und des studentischen Aktivismus auch heute noch im Zentrum der Kritik all jener, die hinter der verhassten "politischen Korrektheit" eine Verschwörung wittern. Geschlechtergerechte Sprache sei mittlerweile keine Fleißaufgabe mehr, sondern durchaus Erfordernis für Studierende, erzählt Susanne Hochreiter. "Ich finde es aber schwierig, das zu sanktionieren", sagt sie und erinnert sich an ihre eigene Geschichte. "Als ich zu studieren begonnen habe, habe ich darauf bestanden, 'Student' zu sein, eine 'Studentin' schien mir weniger wert zu sein."

Mit Kritik an Sprech- und Schreibweisen ist die Germanistin indes vertraut – nicht nur im feministischen Umfeld: "Wissenschaft gilt als abgehoben – nicht zuletzt deshalb, weil sie Fachsprache produziert und verwendet." Im queer-feministischen Kontext gebe es einen besonders starken Wunsch nach ausreichender Differenziertheit, den Anspruch, im eigenen Reden und Handeln das einzulösen, was theoretisch entwickelt wurde. "Das hat andererseits den Effekt, dass es für Leute, die sich nicht damit beschäftigen, von außen betrachtet vielleicht ungeheuer manieriert bis elitär daherkommt. Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen", sagt Hochreiter.

Neue Tugendhaftigkeit

Birge Krondorfer kann indes Teile der Kritik an queer-feministischer "Szenesprache", die im "Emma"-Artikel formuliert wurde, durchaus nachvollziehen. Die politische Philosophin und Erwachsenenbildnerin ist seit Jahrzehnten in der Frauenbewegung aktiv und hat die "Frauenhetz" als Ort feministischer Bildung und Debatte im dritten Wiener Gemeindebezirk mitbegründet. "Wenn ich selbst publiziere, möchte ich nicht dazu gezwungen werden, eine bestimmte Schreibweise zu übernehmen", sagt Krondorfer, die in ihren Texten oft das Binnen-I verwendet, um Frauen sichtbar zu machen.

Die Auseinandersetzung um die "richtige" feministische Sprache nimmt sie keineswegs als eine gelassene wahr. Krondorfer ortet vielmehr einen "neuen Dogmatismus", "eine Form der Tugendhaftigkeit": Es herrsche ein Zwang, sich bestimmten Normen zu unterwerfen – oder eben heftig attackiert zu werden. "Das Ganze erinnert mich stark an Debatten in den 1980er-Jahren, als über die Forderung nach einer richtigen und wahren Identität einer Feministin als Lesbe gestritten wurde", sagt Krondorfer. Auch dieser Debatte habe sie sich verweigert, schließlich gehe es im Feminismus um die Befreiung von Normen, nicht um die Schaffung neuer Normen – so der Befund der Philosophin.

Inklusive Sprache

"Im Grunde geht es in all diesen unsäglichen Debatten über die angebliche Zensur und 'Sprachpolizei' immer darum, wer sprechen darf und was sagbar sein soll – und darum, weiterhin eine Sprache zu verwenden, die verletzend und diskriminierend ist", sagt hingegen "Missy"-Redakteurin Vina Yun. Dass es auch unter Feministinnen keinen Konsens darüber gebe, welche Sprache oder Schreibweise die "geschlechtergerechteste" sei, eröffne zugleich die Möglichkeit, verschiedene Formen je nach Situation und Kontext zu verwenden.

Susanne Hochreiter von der Universität Wien ist es angesichts dessen ein Anliegen, über die sich ständig verändernde queer-feministische Sprachpraxis mit all ihren Formen im Gespräch zu bleiben. "Mich würde es sehr bekümmern, wenn aus 'korrektem' Sprechen Ausschlusspraxen entstehen würden", sagt die Germanistin. "Es gibt keine diskriminierungsfreie Sprache, aber verschiedene Ansätze, diese so diskriminierungsarm beziehungsweise inklusiv wie möglich und respektvoll zu gestalten. Und das erscheint mir alles andere als falsch", sagt Vina Yun. (Brigitte Theißl, 31.1.2017)