Foto: imm cologne 2017

Freiluftdusche statt Private Spa

6. Februar 2017, 12:18

Um die Vorstellung vom idealen Wohnen geht es auf der Kölner Möbelmesse bei dem Projekt "das Haus". Diesmal durfte es der US-Amerikaner Todd Bracher einrichten

Es sind nicht viele US-Amerikaner, die am großen Designkuchen der Möbelwelt mitnaschen dürfen. Ein süßes Stück abbekommen hat Todd Bracher, der einst bei Oberzampano Tom Dixon in die Lehre ging und mit einer Formensprache reüssierte, die ruhig genannt werden kann. Ruhig, aber nicht so ruhig, um sie reduziert zu nennen. Auch verspielt ist sie, aber nicht so verspielt, dass man sie als experimentell durchgehen lassen könnte. Der "Corriere della Sera" schrieb einmal, Bracher verfeinere die Tradition von Alvar Aalto und Arne Jacobsen.

Was das bedeutet, zeigte der Designer auf der vor kurzem zu Ende gegangenen Kölner Möbelmesse imm cologne, wo er das prestigeträchtige Projekt "Das Haus – Interiors on Stage" präsentieren durfte. Bei diesem geht es alljährlich darum, auf einer circa 200 Quadratmeter großen Fläche die Vorstellung eines Designers vom "idealen Wohnen" in Form eines simulierten Wohnhauses vorzustellen. Vor Bracher war es an Gestaltern wie Sebastian Herkner, Luca Nichetto oder Louise Campbell, zu zeigen, wohin die jeweilige Wohnreise geht.

Nun also Bracher und seine Wohnexperimente, die zu einem Haus irgendwo zwischen Installation und realem Leben wurde. Unter ein schwebendes Dach packt er zwei unterschiedliche Zonen, einen großen, von Regalwänden strukturierten Raum mit halbtransparenter Hülle und einen schwarzen Würfel, über dem ein leuchtender Ball gleich einem Mond zu stehen scheint. Bracher verwendet unter anderem einfache Bretter. Mit ihnen baut er Wände und Regale, die er mit allerlei Utensilien befüllt. In einer geräumigen Wandnische baumeln, sauber aufgereiht, Werkzeuge aller Art. Was daran besonders ist? Bracher stellt dem weitverbreiteten, klassischen Konzept von drei Zimmern, Küche und Bad die Vision von ineinander übergehenden Zonen gegenüber: eine dient der Versorgung, eine der Erholung und eine der Körperpflege.

Dabei beschränkt sich der Gestalter auf das Nötigste. Auf eine Inszenierung von Möbelinseln im Sinne des Biedermeier, wie sie mancher Produzent wohl gern gesehen hätte, pfeift er. Sein Bad erinnert mehr an eine archaische Feuerstelle als an die vielzitierte "Wohlfühloase".

Die Dusche: Feuerstelle statt Wohlfühloase
imm cologne 2017

Statt des Feuers gibt's eine Freiluftdusche, umgeben von Flusssteinen. Brachers Haus soll an einen Organismus erinnern, die verwendeten Textilien versteht er als eine Art Haut, die Luft und Licht herein-, aber auch wieder hinauslassen sollen.

Was brauchen wir

Bracher, 1974 in New York geboren, sagte einmal, er würde auch Designer sein, wenn er ganz allein auf der Welt wäre. Dies als einen autistischen Zugang zu interpretieren, wäre weit gefehlt, denn er gibt interessante Antworten auf die Frage, wie sich das Wohnen seiner Mitmenschen entwickeln könnte. Szenarien, die er auch in seiner Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Cappellini, Fritz Hansen, Zanotta, Swarovski oder Hermann Miller mehr als einmal durchspielte: Warum wohnen wir so und nicht ganz anders? Warum stehen wir auf diese und jene Möbel? Welchen Stellenwert haben Traditionen, welchen hat die Funktionalität? Wie steht es mit Farben? "Dieses Haus ist auch ein Schritt zurück zum Essenziellen. Damit meine ich den Versuch, von der Konsummentalität wegzukommen, von der Vorstellung, all diese bedeutungslosen Inhalte und Dinge für irgendetwas zu gebrauchen, für etwas, das uns doch nicht wirklich glücklich macht. Bei diesem Projekt geht es mir darum, etwas zu finden, das wirklich essenziell ist für unser Leben", sagt Bracher. Respekt! Und das auf einer der größten Möbelmessen überhaupt!

Unterm Strich sieht man, dass Bracher das Werk des in Wien geborenen Victor Papanek (1925-1998) studiert hat. Dessen in 21 Sprachen übersetztes Buch Design for the real world wurde auch ihm zur Bibel. Ihn zitiert er auch, wenn es um die Verantwortung der Designerzunft geht: "Es gibt Berufe, die mehr Schaden anrichten als der des Designers. Aber es sind wenige." Gut, dass es Gestalter wie Bracher gibt, die darauf achtgeben, dass dies nicht schlimmer wird. (Michael Hausenblas, RONDO, 6.2.2017)