Dublin ist die wahre Stadt der Liebe

14. Februar 2017, 06:00

Romantiker reisen am 14. Februar in die Stadt der Liebe – nach Dublin. Dort arbeitet sich der zuständige Schutzpatron Valentin durch sein dickes Auftragsbuch

Suchen kann man die Liebe überall. Die Chance, sie zu finden, erhöht sich jedoch an einem Ort, an dem man sie nie vermutet hätte – in der Whitefriar Street Church. In der kleinen Karmeliterkirche in Dublin wimmelt es von Menschen. Lippen bewegen sich zu leisem Gebet, in den düsteren Nischen der Seitenaltäre flackern Kerzen, und Münzen fallen klimpernd in den Opferstock.

In dieser guten Stube des irischen Glaubens hat die Liebe ihre letzte Ruhestätte gefunden – der heilige Valentin persönlich. Dass der Schutzpatron aller Liebenden und Blumenhändler ausgerechnet in Irland geendet ist, soll allerdings nicht den großen Gefühlen, sondern geschickter Rhetorik zu verdanken sein. Weil der Karmelitermönch John Spratt sich nicht nur um Dublins Arme kümmerte, sondern auch noch predigen konnte wie kein Zweiter, belohnte Papst Gregor XVI. ihn mit einem Geschenk, das unter katholischen Klerikern damals hoch im Kurs stand: mit den Körperteilen eines Heiligen, einer Reliquie erster Klasse also. Für Spratt durften es die Asche und ein bisschen Blut des heiligen Valentin sein.

Eine Reliquie auf Lager

Trotz des Verbots durch Kaiser Claudius II. soll dieser Valentin Liebespaare nach christlichem Ritus getraut haben und zur Strafe dafür am 14. Februar 269 enthauptet worden sein. Knapp 1.600 Jahre später traf Valentins heilige Asche als Geschenk des Papstes in Dublin ein. Groß kann die Freude darüber allerdings nicht gewesen sein, denn die Reliquie landete im Lager der Whitefriar Street Church und geriet nach John Spratts Tod 1871 vollends in Vergessenheit. Erst als die Kirche in den 1950er-Jahren renoviert wurde, entdeckte man sie wieder, baute ihr in einem Seitenaltar einen Schrein und stellte eine lebensgroße Statue von Valentin drauf. Die wacht inzwischen über ein schlichtes Ringbuch, das aufgeschlagen ausliegt.

"Danke, dass er zurückgekommen ist", lautet der letzte Eintrag, hinter dem ein großer Smiley grinst. Förmlicher bleibt der vorherige Schreiber, der allerdings noch keinen Grund zur Freude hat: "Lieber Valentin, mach, dass meine Frau wieder fröhlich wird." Seite um Seite haben Besucher der Whitefriar Street Church sich in diesem Buch mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten an den kirchlichen Sachverständigen in Liebesfragen gewandt. Er möge doch dafür sorgen, dass die Geburt gut verläuft, der Mann seinen Job behält, die Liebe einen endlich findet oder es sich nicht noch einmal anders überlegt. Manche Bittsteller machen es kurz: "Ich vermisse sie." Andere füllen mehrere Seiten mit der Beschreibung ihres Beziehungskonfliktes oder kehren sogar immer wieder in die Kirche zurück, um den heiligen Valentin mit der Fortsetzung ihrer Liebesgeschichte auf dem Laufenden zu halten.

Valentins Arbeitspensum ist so beachtlich, wie die an ihn gestellten Ansprüche komplex sind. Mal soll er dem Langzeitprojekt "Suche nach dem Richtigen" neuen Schub geben, mal aus akuten Krisen retten: "Er will sich scheiden lassen." Humor muss der Heilige auch haben, wenn Isabelle selbstlos um den Richtigen für ihre beste Freundin bittet, um dann noch hinterherzuschieben: "Und wenn du schon dabei bist, könntest du für mich nach einem hübschen Schwarzhaarigen schauen." Auf das konfliktbehaftete Thema Scheidung und Wiederheirat verschwendet der gute Valentin wohl nur wenig Gedanken, weil sich Männer wie Ronny bei ihm für die dritte oder vierte Chance bedanken: "Bei dieser Frau gebe ich mir mehr Mühe. Versprochen!"

Schon alles versucht

Kritisches Feedback gibt es für den Schutzpatron der Liebenden aber auch, wenn zum Beispiel die Wunscherfüllung allzu lang auf sich warten lässt: "Ich weiß, dass Gott jemanden für mich bestimmt hat. Offensichtlich habe ich ihn nur noch nicht getroffen. Ich hoffe, Valentin, du wirst mir endlich helfen, ihn zu finden", mahnt da eine ungeduldige Katherine, während der Stellvertreter der Liebe über ihr steht, den Kopf leicht nach vorn geneigt, als schaue er ihr wirklich beim Schreiben zu. "Ich habe schon alles versucht, Onlineflirts, Speeddating, Kontaktanzeigen, den ganzen Mist, vielleicht hilft ja ein Gebet an dich, Val."

Klingt, als wäre Val der gute Kumpel, mit dem man alles besprechen und seinen Kummer im Guinness ertränken kann. Dabei ist er viel mehr als ein Kumpel, mehr als ein Kuppler und Beziehungsretter, denn genau genommen geht die größte Liebeserklärung an Valentin selbst, wenn tausende Menschen ihm ihre Geheimnisse, Sorgen und Sehnsüchte anvertrauen. Ganz nebenbei machen sie anderen mit ihren Offenbarungen auch noch ein wunderbares Geschenk, den Trauernden und den Betrogenen, den Hoffenden, den Sitzengelassenen und den Einsamen, die als Singles nach Dublin reisen, weil sie wie Charlie Brown mit seiner Valentinskarte nie Erfolg bei ihrer Flamme hatten. Sie alle fühlen sich nach dem Lesen hunderter Herzenswünsche getröstet und nicht mehr ganz so allein. Hilfe zur Selbsthilfe nennt man das. Auch dafür danke, lieber Val. (Nicole Quint, 14.2.2017)