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David Ryding: Great Expectations

15. Februar 2017, 08:35

Auf Plastikmatten lernte David Ryding Skifahren. Auf Schnee zählt der 30-jährige Brite nun zu den besten Slalomfahrern. Nach Platz zwei in Kitzbühel stiegen die Erwartungen. Er selbst bleibt bescheiden

St. Moritz – Der britische Eurosport-Kommentator überschlägt sich vor Begeisterung. 22. Jänner 2017, Kitzbühel, der Slalom am Ganslernhang, tausende Zuschauer, Marcel Hirscher liegt in Führung, blickt bangend nach oben. Nur einer kann ihm den Sieg noch streitig machen: David Ryding, 30 Jahre alt, aus Bretherton, Lancashire, Großbritannien. "Come on Dave", schreit der Kommentator. Hirscher hat einen Traumlauf vorgelegt. "Ich habe seine Fahrt gesehen, ich dachte, der erste Platz ist vielleicht weg", erzählt Ryding später. Im Slalom kann viel passieren – eine kleine Unachtsamkeit, und man steht mit leeren Händen da.

Aber David Ryding aus Bretherton, Lancashire, behält die Nerven. "Yes", schreit der britische Kommentator, als Ryding den Zielstrich überquert. Der Engländer blickt auf die Anzeigetafel, schmeißt die Skistöcke weg, reißt die Arme in die Höhe, stößt einen Jubelschrei aus. Platz zwei im Slalom von Kitzbühel. "Daran werde ich mich immer erinnern", sagt er. Es ist der erste Stockerlplatz für Großbritannien im Ski-Weltcup seit 36 Jahren, seit Konrad Bartelski bei der Abfahrt von Gröden ebenfalls Zweiter wurde.

Beste Saison

Jetzt zählt Ryding zumindest zum erweiterten Favoritenkreis im WM-Slalom am Sonntag in St. Moritz. Er selbst bleibt bescheiden: "Ich sehe mich nicht als Medaillenkandidat." Hirscher und Henrik Kristoffersen seien die klaren Favoriten. Der Österreicher und der Norweger haben die bisherige Saison dominiert. Aber Ryding "will alles probieren". Er hat in diesem Winter schon viel mehr erreicht, als er sich vorgenommen hatte. Einmal wollte er in die Top Ten fahren. Es gelang ihm fünf Mal. Als 22. der Slalom-Weltrangliste war er in die Saison gestartet. Jetzt ist er Sechster. "Das hätte ich nicht erwartet."

Die Karriere des Skirennläufers David Ryding begann vergleichsweise spät und ungewöhnlich. Im Alter von sechs, sieben Jahren fuhr er erstmals Ski – auf Plastikmatten. Sechs Jahre später dann die Premiere auf Schnee. "Das war so viel besser als Plastik." Dass er eines Tages in Kitzbühel aufs Podest fahren würde, hatte sich damals freilich noch nicht angedeutet. "Ich dachte, ich bin gut, aber ich war es nicht." Bis er 16 Jahre alt war, sagt er, habe er nicht viel trainiert. Aber er hatte Spaß am Skifahren. Als er mit 18 die Schule abgeschlossen hatte, sagten seine Eltern, er könne sich ein Jahr lang aufs Skifahren konzentrieren. "In diesem Jahr habe ich mich gut entwickelt."

Ryding blieb dran. Zunächst fuhr er Fis-Rennen, ab 2007 auch im Europacup. Im Dezember 2009 debütierte der damals 23-jährige Ryding im Weltcup. Die ersten Punkte schaffte er drei Jahre später in Levi (26.). Es folgt eine Durststrecke von zwei Jahren, ehe er erneut Weltcuppunkte holte. Ryding, mittlerweile 28 Jahre alt, gewann an Konstanz, näherte sich der Weltspitze an.

Technikumstellung half

"Vor drei Jahren", sagt er, "habe ich meine Technik umgestellt." Zudem wechselte er das Skischuhmodell. "Das hat geholfen." Jetzt mit 30 ist Ryding auf seinem vorläufigen Höhepunkt. Aber wer weiß, was noch kommt? Das Karriereende ist noch lange kein Thema. "Solange ich kann, fahre ich", sagt er. "Ich fühle mich wirklich fit."

Er trainiert viel in Österreich, vor allem in Hinterstoder und in der Steiermark, oft gemeinsam mit dem Russen Alexander Choroschilow – noch so ein Spätzünder. Die Pyhrn-Priel-Region sponsert den Engländer seit zwei Jahren. Das hilft. Skifahren ist ein teurer Sport. Und der britische Verband ist nicht der ÖSV. 2010 war er bankrott. Immerhin 15.000 Pfund (knapp 18.000 Euro) zahlt Ryding pro Saison dazu.

Rydings Familie ist skibegeistert. Seine um zwei Jahre jüngere Schwester Joanna gewann einige Fis-Rennen, ehe sie nach einem Sturz im Jahr 2011 aufhören musste. In Großbritannien fahren viele gern Ski. Als Spitzensport ist Skifahren freilich nicht ansatzweise mit Fußball vergleichbar. Aber nach Kitzbühel war die Aufmerksamkeit groß. "Ich war in allen britischen Medien." Einige Journalisten von der Insel sind nun in St. Moritz. Sie hoffen auf eine britische Medaille. Und nur Ryding kommt dafür infrage. Aber wie kann der Eurosport-Kommentator seine Begeisterung von Kitzbühel noch übertreffen? (Birgit Riezinger aus St. Moritz, 14.2.2017)