Fantastische Budgets für die Kriege im Internet

Kommentar |
20. Februar 2017, 10:54

Im Kreml konferieren 2015 der Planungschef des russischen Präsidenten und der Chef des Geheimdienstes FSB, dem Nachfolger des berüchtigten KGB. Sie beklagen den Machtverlust des Kremls seit 1989 und vor allem die nicht gehaltenen Versprechen des Westens. Planungschef Michalew: "Helmut Kohl und der Westen haben uns belogen. Die Wiedervereinigung Deutschlands sollte es nur geben, wenn die Nato nicht nach Osten vorrückt. Das ist nicht geschehen." Der Westen halte sich schon seit 1939 nicht an getroffene Vereinbarung. Es bleibe daher nichts anderes übrig, als völlig neue Strategien zu entwickeln – solche, die mit Geografie und Machtsphären nichts mehr zu tun hätten, stimmen Michalew und FSB-General Iwanow überein.

Dieses Gespräch könnte stattgefunden haben, spielt sich jedoch am beginn des jüngsten Thrillers des deutschen Sachbuchautors Veit Etzold ab. Er heißt Dark Web (Verlag Droemer) und illustriert, was es mit den Internetattacken u. a. auf den Wahlkampf der gegen Donald Trump unterlegenen Hillary Clinton auf sich hatte. Nicht nur dieses, sondern etliche andere Bücher der jüngsten Zeit versuchen, die schmale Faktenlage für die Theorie zu verwenden, zwischen Washington und Moskau tobe längst ein Cyber War.

"Alles und jeder können gehackt werden", sagte am Wochenende Eugene Kaspersky, Sicherheitsexperte mit Sitz in Moskau, in einem Interview mit dem STANDARD. Vor allem auf dem Gebiet der "professionellen Schadstoffsoftware" würden die Russen den Ton angeben.

Zwar kann sich nach übereinstimmenden Quellen die US-amerikanische NSA in jedes Computersystem dieser Welt einnisten, zwar gehört dieser Geheimdienst mit einem Jahresbudget von 700 Milliarden Dollar zu den größten Einkäufern von Software. Aber die Russen sind offenbar erfolgreicher und noch brutaler, wie Etzold in seinem Buch zu zeigen versucht.

Die russische Internethilfe für Trumps Wahlkampf und die nicht aufgeklärten Beziehungen zwischen Moskauer Agenten und den Trump-Teams sind mit den Fragen zu verbinden, was heuer, 2017, noch alles passieren könnte.

Frage 1: Wie eng sind die Beziehungen zwischen Marine Le Pen (sowie anderen rechten Parteien Westeuropas) und russischen Politikern? Wie viel davon wird via Dark Web, das illegale Gegenstück zum uns allen geläufigen Clear Web, gesteuert?

Frage 2: Sind die deutschen Geheimdienste stark genug, um Hackereingriffe in den deutschen Wahlkampf des aktuellen Jahres abzuwehren? Wobei nicht nur die Russen im Spiel sind, sondern auch die Amerikaner. Erinnern wir uns doch an Angela Merkels abgehörtes Diensthandy.

Folgt man dem Tenor von Etzolds Buch, dann ist der Kampf gegen die wahren "Drahtzieher" im Internet längst verloren. Aber ob der russische Plan, via Dark Web und den darin verborgenen Verbrechen, die verlorene Großmachtstellung wieder zu gewinnen, realisierbar ist, weiß keiner. Eines ist feststellbar: Wladimir Putins Macht wächst stetig. (Gerfried Sperl, 20.2.2017)