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Rätselraten um "Tully-Monster" geht weiter

20. Februar 2017, 18:57

Es sieht aus wie schlecht erfunden: Tullimonstrum hatte Stielaugen und ein Teleskopmaul. Forscher streiten abermals darüber, zu welchem Tierstamm die bizarre Kreatur gehörte

Philadelphia/Wien – Vor knapp einem Jahr war es das letzte Mal in den Schlagzeilen. Die "New York Times" oder "Scientific American" berichteten ebenso darüber wie DER STANDARD: Gleich zwei Forschergruppen hatten im Fachblatt "Nature" behauptet, das jahrzehntealte Rätsel um Tullimonstrum gregarium endlich gelöst zu haben. Doch das war womöglich etwas vorschnell.

Beim "Tully-Monster" handelt es sich um einen mysteriösen Fossilienfund, der 1958 Francis Tully in den Mazon-Creek-Lagerstätten gelang, einem Fossilien-Eldorado im US-Bundesstaat Illinois. Was der Amateursammler da entdeckt hatte, glich nämlich keinem anderen bekannten Lebewesen, das auf diesem Planeten lebte.

Ratlose Paläontologen

Der mehr als 300 Millionen Jahre alte Abdruck zeigte eine kleine längliche Kreatur mit Stielaugen und einem Rüssel, der mit einem zahnbewehrten "Maul" abschloss. Das Ende des Tiers war mit einem Flossenpaar ausgestattet, das jenem von Tintenfischen ähnelte. Die Experten im Field Museum of Natural History in Chicago, die das erste Exemplar zur Bestimmung erhielten, waren ratlos.

Der Holotyp von Tullimonstrum gregariarum, also jenes Fossil, auf dem die erste Zuordnung basierte.
paul mayer at the field museum of natural history

Erst 1966 erhielt das bizarre Fossil, das den Würmern zugeschlagen wurde, seinen Namen. Danach tauchten zwar tausende weitere Funde des bis zu 40 Zentimeter langen Meeresbewohners auf. Doch Paläobiologen rätselten weiter und hielten das Tully-Monster daraufhin abwechselnd für ein Weichtier (etwa eine Art Tintenfisch), ein Stachelhäuter (ähnlich einer Seegurke) oder einen Gliederfüßer (wie eine primitive Art von Hummer).

Im März 2016 warteten gleich zwei Forschergruppen in einer Ausgabe des Fachblatts Nature mit einer spektakulären These auf. Scans und chemische Untersuchungen an 1200 Exemplaren vom Field Museum hätten Hinweise auf ein Rückgrat ergeben, behauptete ein Team um Victoria McCoy (Uni Yale), und ein Team um Sarah Gabbott (Uni Leicester) fand Augenstrukturen, die auf ein Wirbeltier schließen ließen, vermutlich auf einen Vorläufer der Neunaugen, einer primitiven fischähnlichen Ordnung, die Aalen ähnelt.

Dieser sehenswerte Bericht war womöglich etwas voreilig ...
thebrainscoop

Zweifel an den zwei Studien

Doch kaum ein Jahr später wird von einem internationalen Paläobiologenteam rund um Lauren Sallan (University of Pennsylvania) an beiden Studien heftige Kritik geäußert: Das Argument der komplexen Augenstrukturen lassen die Forscher deshalb nicht als Wirbeltierbeweis gelten, weil ihre Analysen keine Linsenaugen ergeben hätten, schreiben die Wissenschafter im Fachblatt Palaeontology. Zudem können Augen auch bei Weichtieren hochentwickelt sein.

Sallan und ihr Team verweisen zudem darauf, dass bei den Fossilien in Mazon Creek nur das weiche Gewebe konserviert würde. Entsprechend fragwürdig sei die Behauptung, dass Tullimonstrum eine Art Rückgrat gehabt hätte. Schließlich seien in Mazon Creek auch fossile Neunaugen gefunden worden, die ganz anders aussähen. Die Forscher um Sallan liefern zwar keinen Hinweis auf die Identität des "Tully-Monsters" – eine Art Fisch sei es aber ganz bestimmt nicht gewesen. (tasch, 20.2.2017)