Collage: Claudia Machado Handsur

Vom Abfall zur Avantgarde: Leder aus Lachshaut

28. Februar 2017, 13:00

Von wegen alte Fischhaut! Immer mehr Designer entdecken Lachsleder als Werkstoff

Das Wichtigste gleich vorneweg: Nein, fischeln tut es nicht, so ein Lachsleder. Dem Naturmaterial haftet das typische Odeur von echtem Leder an. Das Zweitwichtigste: Die Haut des Speisefisches, eigentlich ein Abfallprodukt der fischverarbeitenden Industrie, dient als Rohstoff. Das macht das Leder nachhaltig, zumal es umweltschonend verarbeitet wird. Und drittens: Es ist strapazierfähiger als Rinds- oder Kalbsleder. Das liegt an der Querstruktur seiner Fasern. Noch ein Grund gefällig? Es sieht tierisch gut aus – mit typischer Prägung, ohne dass ein Reptil dafür sterben muss.

Vom Abfall zur Avantgarde – frei nach diesem Motto verleihen findige Kreative der Fischhaut ein zweites Leben. Aus den besagten Gründen arbeitet die Hamburger Designerin Alina Schürfeld seit 2010 mit dem Material. Seit 2012 kann man ihre Modelle im eigenen Flagshipstore namens Alina Schürfeld im Stadtteil Eppendorf erstehen. Ihr Fokus liegt auf Taschen und Schuhen: Espadrilles mit farbigen Lachslederkappen, Pumps, daneben Stiefel und Booties mit Applikationen und Einsätzen. Warum gerade Lachsleder? "Es wirkt exotisch, ist aber alltäglich", sagt sie. Schürfeld versteht es, den Charakter des natürlichen Materials auszuspielen, setzt dabei edle Noncolours und Nudetöne ein, aber auch poppige Töne.

Eleganz mit Nachhaltigkeit

Ihre persönliche Lieblingslachsfarbe? "Alle Töne, bei denen der natürliche Verlauf und die Verfärbung der Schuppen noch gut zu sehen ist! Denn die Struktur bleibt ja erhalten, auch wenn die Haut natürlich entschuppt wird." Ihr Credo: "Nachhaltigkeit ist ein Grundsatz für mich. Was aber nicht zulasten der Eleganz gehen darf", sagt Schürfeld, die in London und Eindhoven Design studierte und anschließend im Interieurbereich arbeitete.

Schon bei der Gründung ihres Labels recherchierte sie in ganz Europa nach nachhaltigen Materialien und Produzenten. Das Lachsleder bezieht sie von der niederbayerischen Salmo Leather GmbH, dem größten Hersteller Deutschlands.

Keine neue Erfindung

Hier in der Nähe von Passau weiß man, dass Lachsleder keine neue Erfindung ist: Schon das alte Naturvolk der Nanai verstand sich auf das Verarbeiten von Fischhaut. Ende der 1970er-Jahre gründete Rudolf Laschinger eine Räucherei im Bayerischen Wald und spezialisierte sich auf zertifizierten Biolachs aus Irland. Die Geschäfte liefen gut. Doch wohin mit den Abfällen, der Fischhaut? Statt sie zu Tiermehl zu verarbeiten, machten sich Laschinger und Kompagnon Holger Hain auf die Suche nach einem Produkt mit Mehrwert.

Hain stieß dabei auf die alte Tradition der Nanai aus Ostasien. Er benannte das Leder nach ihnen, entwickelte in zahlreichen Versuchen eine Methode der natürlichen Gerbung und gründete 2006 die Salmo Leather GmbH mit. Bis heute verwendet die Firma handelsüblichen Lachs, dessen Haut von Fleischresten gesäubert, gegerbt, entschuppt und gefärbt wird – pflanzlich und auf chromfreier Basis. Zum Schluss wird es geschmeidig gemacht und imprägniert.

Seitdem experimentierten viele Designer von Rang und Namen mit dem Flossenleder, zum Beispiel Michael Michalsky, Stuart Weitzman, Walter Knoll, Strenesse, Paul Smith und Givenchy. Doch nur wenige Labels haben die Fischhaut ins ständige Programm aufgenommen.

Mode und Interieur

Eines davon ist Londine, der Name ein Verweis auf die berühmte Meerjungfrau. Dahinter steht der Unternehmer und ehemalige Moderator Karsten Arndt. Was er an der Fischhaut schätzt? "Sieht aus wie Schlange, ist elastisch, teils dicker als Ziegenleder und als Nebenprodukt der Speisefischfabriken eine nachhaltige Ressource", sagt Arndt. Das Design seiner Handyhüllen, Handtaschen und Geldbörsen stammt aus Italien, der Rohstoff aus Niederbayern oder Island.

"Gerade schlicht-klassische Taschenformen wie eine Clutch oder ein Etui unterliegen keinem Modetrend und bringen das Material gut zur Geltung – das überraschend reißfest ist", sagt er. Seit 2010 setzt er konsequent auf Fischleder – und hofft, dass es irgendwann dem umstrittenen Reptilleder den Rang abläuft. Ein Gedanke, dem auch die österreichische Taschendesignerin Katherine Batliner etwas abgewinnen kann. Sie verarbeitet neben Lachs auch andere Fischhäute zu Geldbörsen und Federpennalen.

Im Zeitgeist

Aber nicht nur in der Mode, auch im Interieurbereich ist man auf den Geschmack gekommen: Beim süddeutschen Möbelfabrikanten Denkinger kommt der Lachs zwar in die Küche, aber lieber an die Schrankfront statt auf den Teller. Eine Idee, die der Firma einen Interior Innovation Award einbrachte. Ob als Wandpaneel oder als Steinersatz auf Ringen und Anhängern – Lachsleder schwimmt im Zeitgeiststrom.

Sogar im Fahrgastinnenraum entdecken wir die alte Fischhaut, wo sie in Sonderausstattung die Zierleisten des BMW X6 aufwertet. Wir sehen: Auch der Luxusfan, auf seiner immerwährenden Suche nach Exklusivität und Individualität, kann nicht raus aus seiner Haut. Sogar im Interieur von Yachten nutzt man Nanaileder. Hier schließt sich der Kreis und der Fisch kehrt, wenn schon nicht ins, aber doch aufs Meer zurück. (Franziska Horn, 24.2.2017)

Weiterlesen:

Wohnen mit Marmor

Totgesagte leben länger: Faserschmeichler Rattan