Foto: Andrea Stadlmayr
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Goldschmiedemeister Chnummoses wunderschöner Stein-Uschebti

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23. Februar 2017, 08:00

Grab 26 auf der Nil-Insel Sai im Sudan entpuppte sich als Goldgrube. Die bisherigen Highlights der Grabungskampagne

Eines der faszinierenden Phänomene auf archäologischen Ausgrabungen ist wohl, dass die Zeit rasend schnell vergeht, man aber auch das Gefühl hat, eben erst angekommen zu sein. Nun, wir sind mittlerweile dabei, unsere achte Grabungswoche auf Sai im Sudan abzuschließen. Sehr viel hat sich seit dem letzten Bericht im Archäologieblog bewegt, einiges ist in den nächsten zwei Wochen noch zu tun. Insgesamt lässt sich bereits sagen, dass es eine überaus erfolgreiche Abschlusskampagne meines Projekts AcrossBorders, gefördert durch FWF-Start-Preis und ERC Starting Grant, war.

Frühe Relikte in der Stadt des Neuen Reiches

Während die Ausgrabungen im Grabungsareal SAV1 Ost noch laufen, konnten die Arbeiten in SAV1 West bereits planmäßig abgeschlossen werden. Wir haben uns auf einfache Lehmziegelbauten direkt östlich der Stadtmauer konzentriert. Dabei kamen zwei gut erhaltene Kelleranlagen zum Vorschein, vom aufgehenden Mauerwerk der dazugehörigen Strukturen sind allerdings nur noch wenige Reste vorhanden.

Die zwei wichtigsten Ergebnisse der diesjährigen Kampagne bisher: Die Datierung der Errichtung der Stadtmauer unter Thutmosis III. – das ist jener ägyptische König, dem der vernichtende Schlag gegen das sudanesische Königreich von Kerma gelang und der auch einen Tempel auf Sai gebaut hat – wurde bestätigt. Und der erstmalige Nachweis, dass es in SAV1 West eine Besiedlungsphase schon vor dieser Stadtmauer gegeben hat. Dies ist für die historische Einordnung unserer Grabungsergebnisse und für das Verständnis der allgemeinen Stadtentwicklung von großer Bedeutung.

Grab 26 – eine wahre Goldgrube

Nubien, der nördliche Teil des heutigen Sudans, ist bis heute sehr reich an verschiedenen Bodenschätzen und galt vor allem aufgrund des reichen Goldvorkommens als "Goldland der Pharaonen". Die ägyptischen Tempelstädte wie Sai hatten primär mit dem Goldabbau und der Registrierung von Produkten, die nach Ägypten geschickt wurden, zu tun. Inschriftliche Zeugnisse von Beamten sind für diese funktionale Einordnung von großem Interesse.

Das Pyramidengrab 26, das wir 2014 entdeckten, lieferte hier bereits mit Inschriftsteinen des obersten Verwalters zur Zeit des Königs Ramses II., Hornacht, wichtige Hinweise. Dieses Jahr konnten wir sogar die ungestörte Bestattung einer Person der ägyptischen Verwaltung mit direktem Bezug zum Goldabbau entdecken.

Neue Kammern, neue Herausforderungen

Ein ungeschriebenes Grabungsgesetz ist, dass am vorletzten oder letzten Arbeitstag nochmal richtig tolle Sachen entdeckt werden. So auch 2016 auf Sai. Zwei Tage vor Abreise war klar, dass eine weitere, offenbar ungestörte Kammer in Grab 26 nach Norden abzweigt. Somit war das Arbeitsprogramm für 2017 schon festgelegt: die Freilegung dieses Teils der Anlage.

Zunächst mussten wir den Zugangsschacht entlang der Nordwand sorgfältig dokumentieren – mindestens fünf erwachsene Individuen waren hier bestattet worden. Durch wiederholten Wassereinbruch war alles fest in ausgetrocknetem Nilschlamm eingebacken, deshalb sehr zeitaufwendig und schwierig zu bergen. Schlussendlich war aber die nördliche Kammer erreicht – und sie sollte einige Überraschungen vorweisen.

Die Bestattung des Chnummose

Fast fundlose obere Schlammschichten versprachen tatsächlich intakte Bestattungen am Boden der Kammer. Farb- und Verputzreste sowie wenige Reste von Holz – durch den Wassereinbruch sehr schlecht erhalten – folgten gemeinsam mit ersten menschlichen Knochen in tieferen Lagen, wohl die Reste von Bestattungen in Holzsärgen. Erst in der Nähe des Kammerbodens wurde die Situation eindeutiger – die Abdrücke der Kopfteile zweier weiß verputzter und rot, weiß und blau bemalter Sargwannen zeichneten sich ab. Die in Richtung des Eingangsschachts liegende Bestattung war nur schlecht erhalten – das Individuum an der Nordwand hingegen nahezu intakt, wenn auch generell in einem sehr fragilen Zustand.

Spektakulär wurde es am Kopfende des nördlichen Sarges: Dort fand sich eine Ansammlung von vier Fayencegefäßen sowie ein wunderbar gearbeiteter Stein-Uschebti! Diese typisch ägyptische Grabbeigabe ist durchwegs mit dem Namen des Verstorbenen beschriftet – so auch in unserem Fall. Wir konnten die Bestattung nun als Goldschmiedemeister Chnummose identifizieren. Reste der Totenmaske, ein Fayence-Skarabäus und ein steinerner Herz-Skarabäus runden gemeinsam mit mehreren intakten Keramikgefäßen seine Ausstattung ab. Die Parallelbestattung ist vermutlich weiblich und kann nach vorsichtiger Einschätzung als seine Ehefrau angesprochen werden – leider ist uns hier kein Name überliefert, sie hatte lediglich einige Keramik- und Fayencegefäße als Beigaben.

Eine weitere Kammer

Die vorsichtige Arbeitshypothese lautet, dass Chnummose die Primärbestattung von Grab 26 darstellt, er also der Erbauer der Anlage war. Allerdings haben wir eine weitere Kammer Richtung Westen entdeckt. Die Arbeiten, die hohe Ansprüche an die Expertise der physischen Anthropologinnen des Projekts, Andrea Stadlmayr und Marlies Wohlschlager, stellten, werden hier gerade abgeschlossen.

Mindestens neun erwachsene Individuen sowie ein Kleinkind und ein Fötus stellen eine beachtliche Menge an Bestattungen in einer einzigen Kammer dar. Fayence-Skarabäen, Amulette, Steingefäße und Keramik gestatten eine Datierung, die zeitlich sehr nahe an Chnummose liegt – könnte es sich also um weitere Familienmitglieder handeln?

Ausblick

Mit Grabungsende Mitte März startet die Nachbearbeitung unserer Ergebnisse sowie die Vorbereitung der Publikation. Die 3-D-Modelle von Stadt und Friedhof müssen noch systematisch aufgearbeitet, die statistischen Daten zu Objekten und Keramik ausgewertet werden. Ein besonderer Fokus wird natürlich auf der Aufarbeitung der Skelettfunde aus Grab 26 liegen – die Bestimmung von Geschlecht, Alter und Pathologien erfolgt noch in den nächsten Wochen hier vor Ort. C14-Datierungen sind im Anschluss ebenso wie Strontium-Isotopen-Analysen geplant, um die mittlerweile mehr als 25 Individuen hinsichtlich ihrer lokalen oder doch zugewanderten Herkunft einordnen zu können.

Insgesamt sind die so zahlreichen Funde der Kampagne 2017 der krönende Abschluss der fünfjährigen Ausgrabungen von AcrossBorders auf Sai, die uns ermöglichen werden, Alltag und Bestattungssitten auf der Insel vor 3.500 Jahren zumindest in Auszügen zu rekonstruieren. (Julia Budka, 23.2.2017)

Julia Budka ist Ägyptologin, derzeit Professorin für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an der LMU München; sie forscht mit ihrem Start-Projekt auch am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Ihre Hauptarbeitsfelder sind Keramik und Siedlungen des Neuen Reiches sowie Grabbrauchtum des 1. Jahrhunderts vor Christus.

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Links

Der Ort der Grabung: die Nil-Insel Sai nahe der modernen Stadt Abri und der antiken Stadt Amara West.