Foto: Strike 4 Repeal

Männer und die Abtreibungsfrage

Kolumne |
26. Februar 2017, 11:00

In Zeiten, in denen rechtskonservative Akteure versuchen, Frauen in das Zeitalter von Hinterhofabtreibungen zurückzukatapultieren, sollten sich Männer deutlich positionieren

"Wenn Sie denken, Männer sollten bei der Entscheidung helfen, ob Frauen eine Abtreibung vornehmen lassen, halten Sie einfach die Klappe!" schreibt die feministische Autorin Jessica Valenti. Wir müssen trotzdem über Männer und ihre Rolle in der Abtreibungsfrage sprechen. Wir müssen gerade deswegen sprechen. Denn wir leben in schwarzen Zeiten.

Schwarz ist die Farbe des Protests, der sich im vergangenen Jahr in Polen formiert hat, um gegen eine Verschärfung des ohnehin schon rigiden Abtreibungsgesetzes aufzubegehren. Schwarz wird auch die Kleidung der Frauen sein, die zum Weltfrauentag am 8. März in Irland streiken werden, um ein Gesetz abzuschaffen, das sie im Falle eines Schwangerschaftsabbruchs mit bis zu 14 Jahren Gefängnis bestraft – selbst dann, wenn die Schwangerschaft aus einer Vergewaltigung resultiert oder der Fötus nachweislich nicht außerhalb des Mutterleibs lebensfähig ist.

Bitter nötiger Protest

Einen Tag gesellschaftliche Totalverweigerung, um darauf hinzuweisen, dass jeden Tag schätzungsweise zwölf Frauen aus Irland nach Großbritannien reisen müssen, um einen legalen, nicht gesundheitsgefährdenden Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen zu können. Nicht nur in Irland und Polen ist solch ein Protest bitter nötig. Überall auf der Welt wird an der Uhr gedreht und Hand an die Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper gelegt. Die erstarkten rechtskonservativen Kräfte in der Politik sind im Schulterschluss mit religiösen Eiferern gerade dabei, Frauen in das Zeitalter von Hinterhofabtreibungen mit Stricknadeln, Kleiderbügeln oder Terpentin zurückzukatapultieren. Frauen werden wieder zu "irgendwem" gehen oder sich genau überlegen müssen, ob ein Treppenaufgang nicht zu hoch, aber "dafür" doch hoch genug ist.

Und die Männer? Einige protestieren mit. Wesentlich mehr versammeln sich unter dem Banner der sogenannten Pro-Life-Bewegung. Die meisten schweigen dröhnend. Weil sich die ethische Dimension dieser Problematik kaum erfassen lässt und Mann sich lieber nicht zu so schwierigen Fragen äußern will: Wo beginnt menschliches Leben? Gibt es eine Seele, und wenn ja, wann manifestiert sie sich im ungeborenen Kind?

Zeugungsakt ist keine Investition

Aber eben auch, weil Männer ein Mitspracherecht haben wollen. Weil sie sich dieses Kind wünschen oder auch nicht, sich ohnmächtig und übervorteilt fühlen und wissen, dass es letztendlich (noch) nicht in ihren Händen, sondern im Mutterleib liegt. So nachvollziehbar der Wunsch nach mehr Einflussnahme diesbezüglich auch sein mag, so wenig ist er geeignet, die Grundpfeiler der Thematik zu versetzen. Ihr Bauch, ihre Reproduktionsorgane, ihre Entscheidung. Ein Zeugungsakt ist keine Investition, die einen Mann zur Rendite Kind berechtigt. Es ist auch kein Versprechen oder gar ein Vertrag.

Eine Frau ist nicht, wie Aristoteles meinte, lediglich das Gefäß für den Nachwuchs des Mannes. Diese Idee findet bis in die Gegenwart Anhänger – gerade weil Männer wissen, dass ihr Beitrag zum Wunder des Lebens relativ bescheiden ausfällt, überhöhen sie ihren Anteil daran. Deshalb wird auch so viel Aufhebens um die männliche Zeugungskraft gemacht. Und das, obwohl die Frau die Hälfte des Erbguts beisteuert. Das mit dem Penisneid können Sie also getrost vergessen. Wenn überhaupt, ist ein Gebärneid viel wahrscheinlicher. Der Neid auf etwas, an dem Mann überhaupt keinen Anteil hat.

Egal wie behutsam

Ein Mitspracherecht, das sich herausnimmt, die Selbstbestimmung der Frau zu umgehen oder gar brechen zu können, stellt den Versuch dar, diesen Anteil zu erzwingen. Egal wie behutsam und fürsorglich es ausgestaltet wird – es kommt stets einem Verdikt gleich, das Frauen zu einer Art Brutkasten degradiert. Im Bemühen, sich argumentativ Zugang zu einem physisch für Männer nicht zugänglichen Raum zu verschaffen, werden die realen Verhältnisse umgekehrt. In jeder einzelnen noch so verständlichen Forderung nach Mitbestimmung bildet das "Mit" lediglich den Köder, der den Haken "Bestimmung" verziert, damit er geschluckt wird. Und deshalb sollte Mann darauf verzichten.

Mehr noch. Wer keine rechtskonservativen Scheuklappen trägt und menschengemachte Dogmen zur Heiligkeit eines möglichen Lebens nicht gegen die Würde eines wirklichen Lebens ins Feld führt, der sollte sich klar und deutlich positionieren. Oder um es anders zu formulieren: Wenn Sie denken, Männer sollten dabei helfen, dass Frauen die Entscheidung darüber haben, ob sie eine Abtreibung vornehmen lassen oder nicht, dann machen Sie die Klappe auf. (Nils Pickert, 26.2.2017)