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E-Zigaretten: "Es droht eine Gesundheitskrise"

2. März 2017, 08:00

Dampfen ist weniger schädlich als Rauchen, es produziert aber eine neue Generation von Nikotinabhängigen, warnt Urologe Shahrokh F. Shariat

Wien – Nikotinabstinenz ist meist starker Tobak: In Österreich haben es sieben von zehn Rauchern zumindest einmal probiert, im Schnitt brauchen sie drei Anläufe bis die Sucht besiegt ist. Einer Umfrage zufolge ist die Entwöhnung in den meisten Fällen eine Belastung, die ähnlich viel Stress verursacht wie ein Jobwechsel. Nur eine Scheidung wird als noch anstrengender empfunden.

Um sich leichter von der Zigarette trennen zu können, setzen Raucher zunehmend auf Vaping. Schätzungen des Österreichischen Dampfer-Clubs zufolge greifen hierzulande bereits mehr als 250.000 Menschen zur E-Zigarette.

Auch die Wissenschaft attestiert der elektronischen Alternative ein geringeres Gesundheitsrisiko als dem Verbrennen von Tabak. So fand kürzlich ein britisches Forscherteam heraus, dass Raucher, die ihre Zigaretten für zumindest sechs Monate gegen einschlägige Nikotinersatzprodukte substituierten, signifikant weniger gesundheitsschädliche bzw. kanzerogene Stoffe im Speichel und Urin hatten als die Probanden der Kontrollgruppe, die sich weiterhin Zigaretten anzündeten.

Zweifellos schädlich

Die Hoffnung auf risikofreien Nikotinkonsum bleibt dennoch eine Illusion: Kardiologen von der California University in Los Angeles konnten zeigen, dass der regelmäßige Zug an nikotinhaltigen Verdampfern die Wahrscheinlichkeit für Gefäßerkrankungen, Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht. Zudem fördert er – ähnlich wie das Rauchen – Potenzstörungen.

Auch Shahrokh F. Shariat, Leiter der Klinik für Urologie an der MedUni Wien, betont, dass von E-Zigaretten zwar ein geringeres Risiko ausgeht als vom klassischen Glimmstengel, doch "wir wissen nicht, wie hoch es ist. Dass sie gesundheitsschädlich sind, daran gibt es keinen Zweifel", sagt der Experte. So lassen sich etwa im Urin von E-Zigaretten-Rauchern Nitrosamine, Formaldehyd und Schwermetalle wie Blei nachweisen, die allesamt karzinogen wirken. "Um die Gesundheitseffekte seriös beurteilen zu können, braucht es aber noch zehn bis 20 Jahre", ergänzt Shariat.

Vor allem die zunehmende Verbreitung der E-Zigaretten bei Jugendlichen bereitet dem Urologen Sorgen. So ist in den USA der aromatisierte Dampf mittlerweile deutlich populärer als der blaue Dunst: Zwischen 2011 und 2015 nahm der Konsum von Liquids unter Jugendlichen im Highschool-Alter um rund 900 Prozent zu. "Mit harmlos anmutenden Aromen, die nach Gummibärchen, Kaugummi, Vanille oder Früchten schmecken, wird gezielt eine jugendliche Zielgruppe angesprochen und das Tor zur Nikotinsucht geöffnet", warnt Shariat. Davor haben bereits die WHO und das nationale US-Zentrum für Krankheitskontrolle (CDC) im Jahr 2014 gewarnt. "Studien zeigten mittlerweile, dass für 80 Prozent der Jugendlichen der Einstieg über den Geschmack erfolgt", ergänzt der Urologe.

Ruf nach Regulierung

Der Experte plädiert dafür, dass für E-Zigaretten ähnliche Regeln wie für Tabakprodukte gelten sollten. Konkret meint er damit eine genaue Deklaration der Inhaltsstoffe, kein Verkauf an Minderjährige, eine hohe Besteuerung und ein Werbeverbot. "Nikotin ist ein Suchtgift, das auch als solches reguliert werden muss", fordert Shariat weiters. "Das Nikotin in E-Zigaretten hat womöglich einen höheren Suchtfaktor als jenes im Tabak, da die Dosis leichter gesteigert werden kann. Damit droht uns eine weitere Gesundheitskrise durch eine neue Generation von Nikotinabhängigen." (Günther Brandstetter, 2.3.2017)