Foto: AP / Markus Schreiber

Deniz Yücel schreibt Brief aus türkischem Gefängnis

2. März 2017, 11:06

"Welt"-Korrespondent in Untersuchungshaft habe "ein Stück Freiheit zurückgewonnen" und bedankt sich bei Unterstützern

Ankara/Berlin – Gegen den "Welt"-Korrespondenten Deniz Yücel wurde am vergangenen Montag nach 13 Tagen in Polizeigewahrsam in der Türkei Untersuchungshaft verhängt. Der deutsch-türkische Journalist saß anfangs im Istanbuler Gefängnis Metris. Am Mittwoch wurde er dann in die Haftanstalt Silivri rund 80 Kilometer westlich verlegt.

Noch aus Metris schickte Yücel einen handschriftlich verfassten Brief an seine Freunde und Unterstützer, den die "Welt" am Donnerstag veröffentlichte:

"Hallo Welt,
nach 13 Tagen in Polizeihaft bin ich nun im Gefängnis Istanbul-Metris. Es mag sich merkwürdig anhören, aber mir kommt es so vor, als hätte ich ein kleines Stück meiner Freiheit zurückgewonnen: Tageslicht! Frische Luft! Richtiges Essen! Tee und Nescafe! Rauchen! Zeitungen! Ein echtes Bett! Eine Toilette für mich alleine, die ich aufsuchen kann, wann ich will. Tagsüber – wenn ich will – Küche und Hof mit einer Handvoll politischer Häftlinge, abends eine Zelle für mich allein. Hier werde ich nicht lange bleiben, aber es ist okay. Und obwohl sie mich meiner Freiheit beraubt, bringen mich das Verhör und die Urteilsbegründung noch immer zum Lachen. Ich muss jetzt abbrechen. Aber ich danke allen Freunden, Verwandten, Kollegen, und allen, die sich für mich einsetzen. Glaubt mir: Es tut gut, verdammt gut."

Regierungsnahe Medien in der Türkei haben Yücel unterdessen als "Türkei-Feind" verunglimpft und in die Nähe von Terroristen gerückt. Die Zeitung "Star" schrieb am Donnerstag auf ihrer Titelseite über den deutsch-türkischen Korrespondenten: "Kein Journalist – PKK-Auftragsmörder" (PKK tetikcisi).

Nach der Definition der Gesellschaft für türkische Sprache bezeichnet das Wort "tetikci" einen Auftragsmörder, es kann sinngemäß aber auch als Marionette verstanden werden. Mehrere regierungsnahe Medien – die sich bisher in der Berichterstattung über den Fall Yücel zurückgehalten hatten – übernahmen den "Star"-Artikel wortgleich in ihren Online-Auftritten. Darunter sind zum Beispiel "Sabah", "Yeni Akit" und "A Haber".

"Star" berichtete, der deutsch-türkische Journalist sei "in Deutschland zur Symbolfigur der türkeifeindlichen Propaganda gemacht" worden. "In jedem seiner Artikel hat er mit Worten wie "Despot, Frauenfeind" den Präsidenten (Recep Tayyip) Erdogan beleidigt." Das Blatt schreibt, das türkische Presseamt habe 54 Artikel Yücels seit dem Juni 2016 ausgewertet. Die Behörde sei zu dem Ergebnis gekommen, dass er "Propaganda" für die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) betreibe. Er sei zudem für die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen eingetreten, die Erdogan für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht. In seinen "Lügenberichten" habe Yücel "seinen Hass gegen die Türkei erbrochen".

"Star" verwendet auf Seite 13 ein Foto, das nach Angaben der Zeitung einen Auftritt Yücels bei einer PKK-Veranstaltung in Deutschland zeigen soll. Dabei handelt es sich aber um eine Aufführung von "Hate Poetry", auf der deutsche Journalisten mit Migrationshintergrund rassistische Hetzbriefe vorlesen, die sie erhalten. (APA, dpa, 2.3.2017)