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Stefan Kraft krönt sich zum Doppelweltmeister

2. März 2017, 19:22

ÖSV-Adler gewinnt nach dem Bewerb auf der Normalschanze auch auf der Großschanze und avanciert damit zum ersten Doublegewinner der ÖSV-Springergeschichte. Silber an Deutschen Wellinger, Bronze für Polen Zyla

Lahti – Stefan Kraft war sich wohl schon unmittelbar nach der Landung sicher gewesen: "Gute zweite Sprünge", sagte der Pongauer zu Michael Hayböck, der zur Gratulation herbeigeeilt war. Tatsächlich hatte sich der engste Freund im Team mit dem zweiten Versuch deutlich verbessert, Kraft konnte dagegen nicht besser werden. Der 23-Jährige flog seine Führung aus dem ersten Durchgang mit neuerlich 127,5 Metern für die generelle Enge des Bewerbes recht sicher nach Hause, verwies um 1,3 Punkte den Deutschen Andreas Wellinger wie schon auf der Normalschanze auf Rang zwei. Piotr Zyla holte mit Bronze die erste Medaille für Polen in Lahti.

Seltenes Kunststück

Ein Pole, Adam Malysz, hat 2003 als Letzter vor Kraft das Kunststück geschafft, bei einer Weltmeisterschaft beide Einzeltitel zu holen. Die weiteren Kraft-Vorgänger heißen Björn Wirkola (NOR/1966), Gari Napalkow (UdSSR/1970) und Hans-Georg Aschenbach (DDR/1974). Einen österreichischen Doppelchampion bei nordischen Weltmeisterschaften hat es vor Kraft nicht gegeben – Heroen wie Anton Innauer, Karl Schnabl, Andreas Felder, Ernst Vettori, Heinz Kuttin, Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer mussten sich mit einem der beiden Titel begnügen. Die historische Dimension seines Triumphes war Kraft, nachdem er seine Freunde ordentlich herausgebrüllt hatte, aber "wurscht".

Kraft konnte erneut im Wettkampf seine besten Sprünge zeigen. Fünf Athleten lagen vor dem Finale innerhalb von nur 3,0 Punkten, Kraft hatte umgerechnet einen halben Meter (0,9 Punkte) Vorsprung auf seinen Normalschanzen-Vize Wellinger.

Zunächst flog Zyla mit Tagesbestweite (131 m) vom sechsten Rang aus an die Spitze. Der Reihe nach scheiterten dessen Landsleute Dawid Kubacki und Kamil Stoch sowie der Norweger Andreas Stjernen an dieser Vorgabe. Wellinger setzte sich aber mit 129 Metern an die Spitze. Kraft konterte mit erneut 127,5 Metern bei allerdings geringfügig schlechteren Bedingungen und erhielt zudem etwas bessere Noten als der 21-Jährige aus Ruhpolding.

Wertvolle Schulung bei Punkterichter im Sommer

Mit 279,3 Zählern stand Kraft als erst vierter österreichischer Großschanzenweltmeister nach Schnabl (1976), Felder (1987) und Schlierenzauer (2011) fest. "Wellinger ist megastark gesprungen, es war sehr eng, aber es hat dann alles gepasst", sagte Kraft. "Ich habe mir beim zweiten Sprung nur gedacht, diesen Flug genieße ich. Dann habe ich gemerkt, ich falle genau auf die grüne Linie, und habe auf gute Noten gehofft." Offensichtlich nicht umsonst hatten er und seine Teamkollegen im Sommer eine Schulung bei einem Punkterichter absolviert und dabei gelernt, den Oberkörper nach der Landung aufrechter zu halten. "Das waren zwei der besten Telemarks, die mir je gelungen sind."

Wellinger sah sich zunächst benachteiligt. "Ich weiß nicht genau, warum Stefan um zwei Punkte bessere Noten bekommt", sagte der Mixed-Weltmeister, fing sich aber relativ schnell: "Es war zweimal knapp, das ist egal, wenn man zweimal auf dem Podest steht. Meckern kann man an anderen Tagen." Auch sein Coach Werner Schuster thematisierte die Bewertungen: "Interessant, warum die Kampfrichter Kraft als schöneren Springer empfinden."

Kollege Heinz Kuttin focht das begreiflicherweise nicht an. "Unglaublich, wie Stefan bei diesen Verhältnissen eine Bombe nach der anderen raushaut. Er hat immer eine passende Antwort parat", sagte der Kärntner, der sich über sein zweites Gold als Trainer freuen durfte.

Ob es für eine weitere Medaille in Lahti reicht, ist aber fraglich. Hinter Kraft und Hayböck, der nach seinem ersten schwachen Sprung noch auf Rang elf kam, blieben Manuel Fettner (18.) und Markus Schiffner (22.) deutlich zurück. Als Team gewertet lagen die Österreicher mit 1009,5 Punkten klar hinter Polen (1072,2), Norwegen (1066,1) und Deutschland (1018,9). Über den vierten Springer im Teambewerb am Samstag wird am Freitag im Training entschieden. Schiffner muss sich mit Gregor Schlierenzauer und Andreas Kofler messen. Alle drei beginnen quasi bei null. (lü, 2.3.2017)

Stimmen

Stefan Kraft (AUT/Doppelweltmeister): "Wahnsinn, dass ich das verdient habe, ich muss echt saubrav gewesen sein in letzter Zeit. Wellinger ist megastark gesprungen, es war sehr eng, aber es hat dann alles gepasst. Ob der Sieg für die Geschichte war, ist egal, das interessiert mich vielleicht, wenn ich einmal aufgehört habe. Ich habe mir beim zweiten Sprung nur gedacht, den Flug genieße ich. Dann habe ich gemerkt, ich falle genau auf die grüne Linie, und dann habe ich auf gute Noten gehofft. Ich war diesmal ein bisschen entspannter als auf der Normalschanze."

Andreas Wellinger (GER/Silber): "Ich bin überglücklich, dass es wieder funktioniert hat. Ich bin extrem nah dran. Solange ich vorne mitkämpfen kann, macht es unglaublichen Spaß. Der Bessere soll oben stehen, und das war heute wieder der Stefan. Aber meckern kann man an anderen Tagen."

Heinz Kuttin (ÖSV-Skisprung-Cheftrainer Herren): "Es war sehr komisch, ich war viel nervöser als beim Normalschanzenbewerb. Unglaublich, wie Kraft bei diesen Verhältnissen eine Bombe nach der anderen raushaut. Er hat immer eine passende Antwort parat. Seine Fliegerqualitäten sind derzeit unglaublich. Bei Hayböck und Fettner war der gute zweite Durchgang wichtig fürs Teamspringen. Das Teamspringen wird ein heißer Fight, da hängt die Medaille sehr hoch. Die Burschen werden um den Startplatz fighten."

Peter Schröcksnadel (ÖSV-Präsident): "Es ist großartig – Doppelweltmeister, das haben wir noch nie gehabt. Man muss ihm gratulieren, er ist ein würdiger Doppelweltmeister. Wir haben alle gezittert. Stolz sind wir nicht, aber wir freuen uns. Wenn man abhebt, hat man keinen Erfolg mehr. Im Teamspringen ist wieder etwas möglich."

Michael Hayböck (AUT/11.): "Mir taugt es, dass Stefan das heimgebracht hat, er hat gleich danach auch schon an das Teamspringen gedacht. Für mich war nach dem ersten Durchgang klar, dass ich nicht mehr gewinnen werde. Wir müssen heute aber nicht über mich reden, sondern über den Doppelweltmeister."

Manuel Fettner (AUT/18.): "Stefan ist unglaublich, er macht es auch immer spannend. Wir freuen uns alle extrem mit ihm, jetzt kann er sich Doppelweltmeister nennen, das ist noch einmal cooler. Ich habe es komplett unspannend gemacht, weil die Medaillenchance schon nach dem erst Durchgang weg war. Heute ist mir zweimal das System zusammengebrochen, ich muss mir noch genau anschauen, was ich da fabriziert habe."

Markus Schiffner (AUT/22.): "Über meine Teilnahme beim Teamspringen entscheiden andere. Es ist kein Geheimnis, dass ich gerne dabei wäre."