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Ein wertvolles Geschenk: Die Masernimpfung

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5. März 2017, 11:00

Infektionskrankheiten sind Alltag im Kindergarten – bei Masern ist allerdings Schluss mit lustig

Magdalena steht vor mir, der Rotz rinnt ihr aus der Nase, zieht einen Faden bis zu den Lippen. Schnell fährt sie die Zunge aus, lädt das Sekret auf und lässt es im Mund verschwinden. Problem gelöst. Vor knapp drei Wochen wurde sie drei Jahre alt. Ein harmloser Schnupfen ist das erste Geschenk, das sie aus dem Kindergarten mit nach Hause gebracht hat. Viele weitere virale und bakterielle Überraschungen werden folgen. Bis zu zwölf Infektionen pro Jahr sind vollkommen normal, heißt es. Kein Wunder, schließlich gibt es mehr als 200 verschiedene Schnupfenviren, die mithilfe von Türklinken, Bechern und angesabbertem Duplo eine höchst effektive Infektkette in Gang setzen können.

Das ist gut und wichtig so. Denn nicht nur Magdalena wird im Kindergarten etwas lernen, sondern auch ihr Immunsystem. Oder besser gesagt: ihr Immungedächtnis. Das bedeutet auch, dass sie manchmal zu Hause bleiben muss – etwa wenn sich der kleine Körper mit Fieber gegen Krankheitserreger wehrt. "Damit müsst ihr leben, dagegen gibt es kein Mittel", sagt unsere Kinderärztin. Das bedeutet auch: Arbeits- und Zeitplanung werden manchmal durcheinandergewirbelt. Das sorgt für zusätzlichen Stress.

Vergangenen Mittwoch war es erstmals so weit. Magdalena durfte nicht in den Kindergarten. Ihre Trauer hielt sich in Grenzen, die verordnete Kindergartenabstinenz machte dafür mich umso trauriger – zunächst. Nach ein paar Minuten war ich vor allem fassungslos und wütend. Der Grund: "Masernalarm" via SMS. Verfasst von Magdalenas Kindergärtner. Der junge Mann schrieb: "Liebe Eltern! Wie es scheint, hat sich meine Tochter die Masern geholt. Wir lassen dieses Jahr wohl gar nichts aus. Ich muss euch leider bitten: Bleibt heute zu Hause. Masern sind hochansteckend!"

Wir sind eine Herde

Im Prinzip könnte uns die Sache egal sein. Das erkrankte Kind geht in die Schule und hat seinen Papa in den vergangenen Wochen nie in der Arbeit besucht. Selbst wenn: Magdalena ist zweifach geimpft, wir haben also nichts zu befürchten. Dem Kindergartenpädagogen wurde das Serum einmal injiziert, er ist also höchstwahrscheinlich kein Überträger. Diese Woche wird er die zweite Impfung nachholen, schreibt er. Sicher ist sicher, denn etwa fünf Prozent der Menschen sind sogenannte Impfversager, die erst durch eine zweite Dosis ausreichend Antikörper bilden.

Doch: Warum verwehrt dieser ansonsten so emphatische Mann, der seinen Job erstklassig macht, seiner eigenen Tochter den Impfschutz? Ich bin mir sicher, dass er weder Verschwörungstheoretiker ist noch die Existenz von Masern-Viren leugnet. Ist es Naivität oder einfach nur Ignoranz? Wohl beides. Zumindest lässt die E-Mail am Mittwochabend darauf schließen: "Für diese Woche bitte ich euch, den Kindergarten, wenn möglich, nicht zu besuchen. Liebe Grüße, und verzeiht die Umstände, viele Kinderkrankheiten gibt es jetzt nicht mehr, die noch kommen könnten :)"

Von wegen Kinderkrankheit, die jeder durchmachen sollte. Angaben der WHO zufolge sterben täglich weltweit rund 400 Kinder an Masern. Das macht im Jahr etwa die Einwohnerzahl der Stadt Salzburg aus. Selbst in einem hochentwickeltem Land wie den USA endete eine Infektion während der letzten großen Masern-Epidemie im Jahr 1990 für etwa jeden 300. Erkrankten letal.

Wir sind eine Herde

Bei rund ein Viertel der Masern-Fälle kommt es zu Komplikationen wie Lungen- oder Mittelohrentzündungen. Noch Jahre danach kann als Spätfolge die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) auftreten, die fast immer tödlich ist. Den Impfverweigerern sei gesagt: Zu einer Gehirnentzündung durch Masern kommt es in ein bis zwei von 1.000 Fällen. Die Wahrscheinlichkeit, dass das injizierte Serum eine Gehirnentzündung hervorruft, beträgt 1:1.000.000. In Worten: eins zu einer Million.

Ob die Tochter des Pädagogen tatsächlich an Masern erkrankt ist, werden die Bluttests zeigen. Selbst wenn sich der Verdacht nicht bestätigen sollte, die Impfung darf keine reine Privatsache sein. Denn: Für eine geschützte Herde braucht es zumindest 95 Prozent Immunisierte. Dann könnte die gefährliche Infektionskrankheit in ein paar Jahren ausgerottet sein. Mein Vorschlag: Sehen wir die Impfung einfach als wertvolles Geschenk. (Günther Brandstetter, 5.3.2017)

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