Illustration: Armin Karner

Arbeiten im Strafvollzug: "Am Anfang wollen alle raus"

5. März 2017, 11:00

Zwei Frauen, die seit Jahren im Strafvollzug arbeiten: Die eine ist Psychologin in Stein, die andere Sozialarbeiterin in Simmering

Ganz am Anfang wollen alle raus. Das ändert sich aber mit der Zeit. Langes Eingesperrtsein erzeuge Hilflosigkeit – diese Hospitalisierung wieder aufzuheben, "das schaffen nicht alle." Mit den Jahren wachsen die Ängste und Sorgen über das mögliche, wahrscheinliche Misslingen eines neuen Lebens "draußen".

Welche Sorgen genau? "In alte Muster zurückzufallen, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein. Ob das die Menschenansammlung in der U-Bahn oder das Geld in der Hand vor übervollen Supermarktregalen ist oder die Vorstellung, Vertreter des alten Lebens wieder zu treffen." Oder Scham oder Selbstmitleid oder schlicht das Gefühl, keine Chance zu haben.

Psychologin Gabriele Waidner sitzt in ihrem beengten Zimmer in der Justizanstalt Stein, einem Zimmerchen, dem Renovierung und Aufhellung nicht schaden würden. Ein kleiner Besprechungstisch, zwei Stühle, Blick auf den Hafttrakt. Fotos von sich will sie nicht in der Zeitung sehen: "Das wäre vielleicht nicht gut für das Betreuungssetting." Waidner betreut "eingesperrte Menschen – mit denen wollte ich immer schon arbeiten".

Seit ihrem Psychologiestudium macht sie das auch. In Stein mit sogenannten "geistig abnormen zurechnungsfähigen Rechtsbrechern". Männliche Klientel, so wie die große Mehrzahl der fast 8000 Insassen in heimischen Justizanstalten.

Zu ihr kommt, wer seine Problemfelder bearbeiten, sich aussprechen und den individuell ausgearbeiteten Vollzugsplan aktiv erfüllen will. Bei den Gesprächen ist sie alleine – es gibt einen Alarmknopf, und die Justizwache sieht tonlos via Kamera zu. Ob sie manchmal Angst habe? "Angst ist kein guter Begleiter", antwortet sie – sie fühle sich gut geschult, erfahren, wachsam und könne sich gut abgrenzen, sagt Waidner.

Angst vor den Möglichkeiten

"Angst vor draußen hat nur der, der sich selbst andere Möglichkeiten einräumt, als wieder einbrechen zu gehen", sagt Waidner. Genau an diesen Möglichkeiten arbeitet sie gemeinsam mit den Kollegen vom sozialen Dienst engmaschig. Dazu gehört auch die Entlassungsvorbereitung, Vollzugslockerung inklusive Einüben des Lebens mit Begleitung, Wohnungssuche, Aufbau eines förderlichen sozialen Netzwerks.

Bei Menschen, die lange im Maßnahmenvollzug inhaftiert waren, seien der soziale Dienst (von Lehrabschluss über begleitende Gespräche mit Angehörigen bis hin zu Arbeits- und Wohnungshilfe) und die psychologische Betreuung gut aufgestellt, sagt Waidner. Anders sei das bei plötzlich Haftentlassenen, etwa aus der U-Haft, ohne Vorbereitungszeiten.

Flucht beim Ausgang vor der Entlassung komme bekanntlich vor, sagt die Psychologin. Dahinter stehen nicht bewältigte Probleme inklusive geringer Konfliktkompetenz und geringer Frustrationstoleranz. Das Ergebnis sei oft der Rückfall. Zudem sei der Druck von Mitinhaftierten, Suchtmittel und -gifte von draußen "herein" zu bringen, hoch.

Herr M., einer von Waidners Klienten, hat es nicht geschafft. Nach einjähriger Vorbereitungszeit und Entlassung wurde er nach zehn Monaten in Freiheit wegen gefährlicher Drohung zu zwölf Monaten Strafe verurteilt. "Er sagt, er resigniert", sagt Waidner.

Angst vor den Erwartungen

Der 52-jährige K. bereitet sich nach 22 Jahren Haft wegen eines Deliktes "an Leib und Leben" auf seine Freilassung vor. Er hat intensiv an seinem Alkoholproblem gearbeitet, Waidner beschreibt ihn als "reflektiert und klug". Er hat Angst vor den Erwartungen draußen, dass er die Regeln und Vorgaben nicht erfüllen kann, dass er Angehörige noch einmal enttäuschen könnte, stresst ihn. Er sehnt den Tag seiner Entlassung derzeit nicht herbei.

J., 34, ist im gelockerten Vollzug nach fünf Jahren wegen Körperverletzung und wird gerade auf das Leben in einer Nachbetreuungseinrichtung vorbereitet. Anfangs, sagt Waidner, seien J.s Ängste wegen eingeschränkter Reflexionsfähigkeit gering gewesen. Doch je mehr er sich mit dem Alltag draußen konfrontiert, desto größer werden seine Ängste vor den geforderten lebenspraktischen Fähigkeiten. "Er benötigt eine lange Trainings- und Unterstützungsphase."

So hat jeder von Waidners Klienten sein "Thema", es ist ein Prozess mit ungewissem Ausgang.

Was Erfolg für sie persönlich sei? Waidner zögert: "Etwa, wenn ich schwer suizidgefährdete Menschen begleite, und sie stabilisieren sich. Ich sehe, wie sich Menschen mit sehr problematischen Herkunftsverhältnissen, mit teilweise schweren Störungen, entwickeln. Aber mit dem ständigen Risiko, dass es sich von heute auf morgen ändern kann."

Wunschberuf im Gefängnis

"Wir haben ein positives Image bei den Insassen." Hannelore Haindl ist Sozialarbeiterin in der Justizanstalt Wien-Simmering. Ihr Zimmer ist ähnlich dem von Waidner, auch sie mag keine Fotos. In Simmering arbeitet sie mit "leichteren Fällen", Menschen, die Freiheitsstrafen von bis zu fünf Jahren absitzen.

Auch Sozialarbeiterin Haindl wollte immer "mit straffälligen Menschen arbeiten". Wieso? Das könne sie nicht sagen, das sei halt so. "Wir haben einen Auftrag." Ihre Klienten hätten oftmals weder die Chance noch die Freiheit gehabt zu entscheiden, wie ihr Leben hätte laufen sollen. Ihren Arbeitsauftrag sehe sie als "Wiedereinstieg für Ausgespuckte". Klienten riefen auch nach ihrer Entlassung noch oft an und erzählten, wie es ihnen "draußen" ergehe.

Haindl erklärt, wie sie arbeitet: Zunächst gehe es darum, Alternativen zu Fäusten und Drogen zu finden. Dann gehe es oftmals um die praktische Seite des Lebens, etwa Kontakte zu Schuldnerberatern oder externen Therapieeinrichtungen herzustellen. Die Sozialarbeiterin verhilft auch zu Übungsjobs, etwa in Caritas-Einrichtungen – damit ihre Klienten die Angst vor dem "richtigen" Arbeitsleben in den Griff kriegen.

Mehr Unterstützung

Sie erzählt, wie oft die "Wirklichkeit" zuschlage während des Freigangs vor Haftentlassung. Ehefrauen lassen sich scheiden, Kinder wollen nichts mehr von ihren Vätern wissen. Manche brauchten viel Begleitung, andere weniger.

"Ich bin hartnäckig", sagt Haindl, die auch Fachvertreterin ihrer Branche ist und sich vor allem mehr Unterstützung, beispielsweise durch Spenden von Firmen, wünscht – etwa für Ausflüge zu Trainingszwecken. Ein schwieriges Anliegen, das weiß sie. Es mache sich nicht so gut, auf dem Firmenprospekt mit der Resozialisierung von Haftentlassenen zu werben. Dennoch: "Wir sehen in den Leuten innerhalb der Gefängnismauern Menschen mit Ressourcen. Stigmatisiert sind sie eh. Das wissen sie auch."

Keine der beiden Frauen klagt. Aber Waidner hat einen Wunsch: "Die Bereitschaft, über den Tellerrand zu schauen. Die Menschen hier haben Furchtbares getan. Aber das ist auch ein Teil von uns, ein Teil unserer Gesellschaft." (Karin Bauer, 5.3.2017)