Russlands Botschafter in den USA hat viele gute Kontakte

Kopf des Tages |
3. März 2017, 17:33

Sergej Kisljak, ein stets vergessener Mann, ist in aller Munde

Man hat bei ihm nie einen Zweifel, für welches Land er arbeitet", sagt der einstige US-Botschafter in Russland, Michael McFaul, über sein langjähriges Gegenüber in Washington, Sergej Kisljak. In der Öffentlichkeit ist der russische Karrierediplomat bisher allerdings nur selten gestanden, obwohl er fast jeden in Washington kennt. Erst jetzt, nach Treffen mit verblüffend vielen Trump-Gehilfen, steht er in den USA im Rampenlicht.

Dass ihn die Washington Post nun in einer Satire als den "least memorable man in the world" bezeichnet, ist aber nicht einer echten Unauffälligkeit des stattlichen 66-Jährigen geschuldet, sondern der Tatsache, dass sich trotz vieler Gespräche offenbar niemand aus der Trump-Regierung spontan an ihn erinnern wollte. Sicherheitsberater Michael Flynn trat wegen Lügen über ein Gespräch mit Kisljak bereits zurück, nun gerät wegen des gleichen Vorwurfs auch Justizminister Jeff Sessions ins Schleudern. Womöglich trifft es auch Trump-Gehilfe Carter Page sowie Schwiegersohn und Berater Jared Kushner.

Dass der studierte Physiker Kisljak aber – so wie einige US-Medien spekulieren – eher Spion als Diplomat sei, halten Kollegen für unwahrscheinlich. Auch wenn er den passenden Lebenslauf dazu hätte: 1977 Studium an der Sowjetischen Akademie für Internationalen Handel und eine Laufbahn im Außenamt, die 1985 bis 1989 mit dem Posten des sowjetischen Botschaftssekretärs in Washington einen ersten Höhepunkt fand. Damals hat er sich auch seine besondere Expertise angeeignet. Sie liegt in der Rüstungskontrolle, weshalb die Entsendung in die USA zeitgleich zum Amtsantritt Barack Obamas 2008 als ein eher positives Signal gewertet wurde. Das Wirken Kisljaks, dem Weggefährten ein fast unheimlich gutes Gedächtnis nachsagen, war zwiespältig: Im Ton verbindlich, betonte er oft die Hoffnung, dass sich das Verhältnis verbessern möge. Die Kreml-Politik verteidigte er freilich vehement.

Vielmehr scheint es, als habe der leutselige Botschafter, der Englisch fließend und charmant, aber mit unverwechselbarem Akzent spricht, seinen Job voll ausgefüllt: Kontakte zu schließen. Das tat der verheiratete Vater einer Tochter auch, indem er US-Diplomaten und deren Familien auf seinen Landsitz lud – bis die Obama-Regierung diesen im Jänner als Sanktionsmaßnahme schließen ließ. Sein Koch, angeblich der beste der Washingtoner Diplomaten, verbringt nun viel Zeit in der Botschaft. (Manuel Escher, 3.3.2017)