Gerald Schubert

Kriegsgebiet Ostukraine: Hummer kochen in Paradise City

Reportage |
4. März 2017, 16:00

Die Zivilbevölkerung in der Pufferzone entlang der ostukrainischen Front lebt unter schwierigsten Bedingungen

Neben dem Stundenplan hängt ein Plakat mit Fotos von Minen und Blindgängern an der Wand. "Nicht berühren!" steht in roten Lettern daneben. Die Kinder, die hier im Dorf Luhanske in die Schule gehen, leben bereits seit drei Jahren im Schatten ständiger Gefahr. Geschossen wird so gut wie jede Nacht. Die Klassenzimmer sind hell und freundlich, doch draußen lauert der Krieg.

Direktorin Galina Wasiljewa blickt aus dem Fenster und zeigt auf die trostlose Landschaft, wo kahle Bäume aus dem langsam schmelzenden Schnee ragen. Nur eineinhalb Kilometer sind es bis zum letzten ukrainischen Kontrollposten. "Wir nennen ihn Checkpoint Zero", sagt Wasiljewa. Knapp dahinter verläuft die Front zu den Separatistengebieten.

Der tägliche Schulbesuch bietet Kindern im ostukrainischen Kriegsgebiet einen Hauch von Normalität.
gerald schubert

Ein Jännertag 2015 hätte fast einen Schlussstrich gezogen unter die Bemühungen, den Buben und Mädchen trotz Kriegswirren noch Unterricht zu bieten und eine ferne Ahnung von kindgerechtem Alltag: Das Gebäude geriet unter schweren Beschuss, danach war plötzlich alles anders. Zwar schlugen die Granaten schon um 7.15 Uhr ein, bevor die ersten Kinder zum Unterricht kamen, und niemand wurde verletzt. Doch so gut wie alle Fensterscheiben zerbarsten, mehrere Räume neben dem Turnsaal brannten völlig aus, fünf Klassenzimmer wurden zerstört. An eine Fortsetzung des Betriebs war nicht zu denken.

Eingefroren in der Zeit

Erst ein Jahr später konnte der reguläre Unterricht wieder aufgenommen werden. Auch dank der Caritas Österreich, die sich unter anderem um den Ankauf und Einbau von mehr als 50 Fenstern kümmerte, damit das Gebäude überhaupt wieder beheizbar wurde. Heute gehen hier 84 Kinder zur Schule, viele bekommen über Hilfsorganisationen auch psychologische Betreuung. Einige wurden zu Hause oder auf dem Schulweg verletzt. Ein Bub aus der dritten Klasse kauerte im Keller seines Hauses, als dort eine Granate einschlug. Die Explosion verletzte ihn am Kopf und an den Gliedmaßen, die Splitter im Arm konnte ihm bis heute niemand rausoperieren. "Wir sind hier alle traumatisiert", sagt Direktorin Wasiljewa. "Die Kinder und auch wir Lehrer." Hoffnung auf eine rasche Beilegung des Konflikts hat sie nicht. "Manchmal habe ich das Gefühl, als wären wir hier eingefroren in der Zeit."

Die Schüler von Luhanske – nicht zu verwechseln mit der nur 80 Kilometer entfernten Großstadt Luhansk, Zentrum der von prorussischen Separatisten ausgerufenen gleichnamigen "Volksrepublik" – sind zum Spielball eines geopolitischen Konflikts geworden. Weiter westlich in der Ukraine herrscht Frieden, und doch geht es hier nicht um eine lokale Krise. Der schwierige Weg des Landes nach Westen, widerstrebende Machtinteressen und russische Einflusspolitik bilden den Hintergrund für den seit drei Jahren tobenden Krieg mit geschätzt 10.000 Toten.

Nur langsam kommt man voran in der Pufferzone vor der Front, die offiziell "Kontaktlinie" heißt. Alle paar Kilometer gibt es Checkpoints, ukrainische Soldaten sichern hier die letzten Kilometer vor den Separatistengebieten. Die Straßen sind in miserablem Zustand, schweres Kriegsgerät und strenge Winter haben sie in eine Wüste aus Schlaglöchern und schwarzem Matsch verwandelt. Am Straßenrand überall zerschossene Häuser, aufgelassene Tankstellen, Gefechtsstellungen.

Eine zerschossene Tankstelle wenige Kilometer von der Frontlinie.
gerald schubert

Über einen glitschigen Waldweg gelangt man in ein abgelegenes Dorf, wo in maroden Hütten noch elf Menschen leben. Im Autoradio läuft gerade Paradise City von Guns N' Roses. Es sind fast nur Alte, die hier zurückgeblieben sind. Wer konnte, ging weg. 1,7 Millionen Binnenflüchtlinge haben in anderen Teilen der Ukraine Schutz gesucht und wollen sich ein neues Leben aufbauen. Weitere 1,1 Millionen Menschen sind ins Ausland geflohen.

Einsame Alte

"Erst heute früh wurde hier wieder geschossen", erzählt die 76-jährige Nina. Ihre Tochter hat sie seit drei Jahren nicht gesehen. Ihr Mann Anatoli sitzt neben ihr. Er ist schwer zuckerkrank und hat nur noch ein Bein. Am anderen Ende des Dorfes wohnen Taisia und Ivan, 71 und 77 Jahre alt. Bei ihnen wurden mithilfe mehrerer Hilfsorganisationen neue Fenster in das zerschossene Haus eingebaut und das Dach repariert.

Zurückgeblieben sind vor allem alte Leute, einsam und oft ohne Möglichkeit, sich selbst zu versorgen.
gerald schubert

"Cash for Work"

Und dann gibt es noch Olga, die regelmäßig im Dorf vorbeischaut. Sie arbeitet für das Projekt "Cash for Work". Die Idee dahinter: Jüngere Menschen aus der Umgebung bekommen einen Kurs in Altenpflege – und anschließend Geld für Betreuungsleistungen. Sie bringen den Senioren, von denen viele mit einer Mindestpension von umgerechnet 45 Euro im Monat auskommen müssen, Medikamente, Lebensmittel und Kleidung – und durchbrechen wenigstens ein paarmal pro Woche die Einsamkeit der oft allein lebenden Menschen. "So erzielen wir einen doppelten Effekt", erklärt Klaus Schwertner, Generalsekretär der Caritas Österreich: "Leute im arbeitsfähigen Alter können ihren Lebensunterhalt verdienen, und die älteren Menschen werden vor Ort versorgt."

Ein paar Kilometer entfernt liegt Stanyzja Luhanska, einer der Brennpunkte dieses Krieges. Hier verläuft die Front, hier gibt es einen der insgesamt fünf Übergänge in die Separatistengebiete. "Wir sind nur 820 Meter von der Kontaktlinie entfernt", sagt Juri Solkyn, Chef der örtlichen Rayonsverwaltung, in seinem Büro. "Sogar Gewehrkugeln treffen bis hierher."

Viele Häuser und weite Teile der Infrastruktur sind zerstört, viele Menschen stehen vor dem Nichts.
gerald schubert

Trotzdem stellen sich täglich bis zu 2500 Menschen am Checkpoint an, um zu Fuß auf die andere Seite zu gehen und ihre Verwandten zu besuchen. Manchmal warten sie stundenlang bei eisigen Temperaturen in der Schlange.

Zu Taisia und Ivan kommt außer den Leuten von "Cash for Work" niemand. Wenigstens die schweren Gefechte in der Gegend seien seltener geworden, sagt Taisia – auch wenn weitergeschossen wird. "Wir fühlen uns hier wie die Hummer: Man kocht uns, aber wir leben immer noch." (Gerald Schubert aus Stanyzja Luhanska, 4.3.2017)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise in die Ukraine erfolgte mit Unterstützung der Caritas Österreich.