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Schutz für Journalistinnen in Kabul: Warum es den Versuch wert ist

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8. März 2017, 13:20

Journalistinnen entsprechen in Afghanistan nicht dem traditionellen weiblichen Rollenbild

"Ruz Bakheyr" ist das afghanische Synonym für "guten Tag". Die wörtliche Übersetzung lautet: schöner Tag. Einen schönen Tag wünsche ich an diesem speziellen Tag natürlich uns allen Frauen, die wir nicht durch ein x-beliebiges, sondern ganz dezidiert durch das X-Chromosom ausgezeichnet sind.

Zeitgerecht zum Internationalen Frauentag ist es Reporter ohne Grenzen gelungen, in Afghanistans Hauptstadt Kabul ein Schutzzentrum für Journalistinnen zu eröffnen. Es ist dies ein Wagnis, doch den Versuch ist es wert. Warum?

Journalistinnen entsprechen in Afghanistan nicht dem traditionellen weiblichen Rollenbild. Weder die Taliban wollen Frauen, die recherchieren, schreiben, fotografieren, noch der IS noch leider oft auch die eigenen traditionellen Familien.

Unerschrockene professionelle Journalistinnen

Dennoch gibt es sie, diese selbstbestimmten, unerschrockenen professionellen Journalistinnen. Ihr Credo ist weder Schleiertanz noch jegliche Art verschleierter Blicke: Sie schärfen vielmehr den Blick für ungeschminkte Wahrheiten. Leicht ist das nicht, ungefährlich schon gar nicht. Deshalb dieses neue Zentrum in Kabul unter Leitung der bekannten Journalistin Farida Nekzad.

Nekzad hatte 2009 die Nachrichtenagentur Wakht gegründet, ein Forum für Journalistinnen, um über Frauenrechte und andere gesellschaftspolitische Themen zu informieren. Öfters wurde versucht, sie zu entführen oder zu töten. Immer vergeblich. Besonders gefährdet war ihr Leben, als sie im Jahr 2007 den Mord an der Journalistin Sakia Saki recherchierte. Im vergangenen Jahr wurden weltweit fünf Journalistinnen getötet – drei davon in Afghanistan.

Fortbildung, Networking, Informationsaustausch

CPAWJ ist das Kürzel dieses Zentrums zum Schutz von Journalistinnen. Es dient der Fortbildung, dem Networking, dem Informationsaustausch in rechtlichen Fragen und auch dem Schutz vor Verfolgung. In Afghanistan wissen die Journalistinnen, was sie tun. Sie vermitteln Content – weit entfernt von journalistischen Effekthaschereien. Nur der Inhalt zählt – Kopftücher sind für diese Frauen kein Thema.

Anders ist das offenbar in Österreich. Was sich hier kürzlich ereignete, grenzt bereits an Geschichten aus Absurdistan. Eine ORF-Journalistin bedeckte ihr Haupt mit einem alla turca drapierten Kopftuch und besuchte derart kostümiert eine öffentliche Veranstaltung, in der ein türkischer Politiker für das Erdoğan-Referendum am 16. April Wahlwerbung betrieb. Manche verstanden das als plumpe Anbiederung, andere als Provokation.

ORF-Redakteurin in den türkischen Medien als Agentin dargestellt

Regierungstreue türkische Journalisten wiederum witterten sofort die Chance, dem Erdoğan-kritischen Österreich eins auszuwischen. Flugs wurde die ORF-Redakteurin in den türkischen Medien als Agentin dargestellt, die verkleidet bei der Veranstaltung herumspionierte und dabei auch ganz offen mit ihrem Mobiltelefon Fotos schoss. Ungeahnt bot sie so eine wunderbare Gelegenheit für Stimmungsmache gegen Österreich, gepaart mit einem feinen Amüsement über das österreichische Geheimdienstnetz. So leicht zu enttarnen war bisher kaum einer von dessen Mitarbeitern. Aber: Es war ja auch "nur" eine Frau.

Ob die Reporterin mit dieser Aktion generell den Interessen der Frauen genützt hat, sei dahingestellt. Nur weil manche muslimische Frauen ein Kopftuch tragen, muss man dies als Österreicherin nicht auch praktizieren. Nicht in der Türkei und schon gar nicht in Österreich. Auch gibt es genügend türkische Staatsbürgerinnen, die nicht im entferntesten auf die Idee kämen, mit Kopftuch durch das Leben zu gehen. Die seltsame Maskerade stellt auch einen Affront gegenüber diesen Frauen dar.

Tragen "richtige" Österreicher und Österreicherinnen täglich Tracht?

Nicht nur das, sie wirft auch ein klares Licht auf die Problematik, in einer multikulturellen Gesellschaft selbstverständlich miteinander zu leben. Denn der Umkehrschluss dieser Episode bedeutete zum Beispiel, dass türkische Frauen und Männer, die in Österreich leben, in Dirndl und Lodenjanker schlüpfen, dies in der Annahme, dann von der österreichischen Gesellschaft sofort akzeptiert zu werden. Hieße das also, "richtige" Österreicher und Österreicherinnen sind nur solche, die täglich Tracht tragen? Könnte das seitens der österreichischen Bevölkerung nicht auch als Frotzelei, als provokante Anbiederung oder freches Vorurteil empfunden werden?

Zugegeben, auch ich habe als junge Journalistin oft ein Kopftuch getragen, wo immer ich war – in Österreich, in Deutschland, in England, in Pakistan, Afghanistan oder sonst wo. Warum? Weil es mir damals selten gelang, rechtzeitig zum Haarschneider zu gehen. Ich nehme an, dass dies auch afghanischen Journalistinnen hie und da passiert.

Besyar Tashakur – Dankeschön für die Aufmerksamkeit – und Khudahafez – auf Wiedersehen. (Rubina Möhring, 8.3.2017)