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Mehr Leben anstatt nur Zertifikate

13. März 2017, 09:47

Was, wenn sich die Weltreise fürs Studium anrechnen ließe? Experten geben den Hochschulen Empfehlungen zur Anrechnung informeller Kompetenzen

Nicht nur für das Leben lernt man – das Leben lehrt einen auch so einiges. Dennoch müssen in Österreich für einen Bildungsabschluss stets Zeugnisse und Belege vorgewiesen werden. Das informelle Lernen gleichwertig neben formale Bildung zu stellen, darauf zielt die 2011 von der Bundesregierung verabschiedete Strategie zum lebensbegleitenden Lernen (LLL2020) ab.

Wie Hochschulen bei der Anerkennung informeller Kompetenzen besser werden können, dazu publizierte kürzlich die Agentur für Qualitätssicherung und Akkreditierung Austria (AQ Austria) einige Empfehlungen. Das Papier wurde in einem vom Wissenschaftsministerium finanzierten Projekt gemeinsam mit Experten erarbeitet. "Die Hochschulen befinden sich dabei derzeit am Beginn des Weges", heißt es darin. Nach wie vor "werden Erfahrungen aus beruflicher Tätigkeit, Weiterbildung oder Kompetenzen, die aus dem Kontext des täglichen Lebens mitgebracht werden, nur zurückhaltend als Vorleistungen anerkannt".

Würden jedoch außerschulische und -hochschulische Kenntnisse stärker für ein Studium anerkannt, könnte das die Durchlässigkeit erhöhen, so die These. Auch Studieninteressierte ohne klassische Bildungskarriere hätten bessere Chancen auf einen Studienabschluss.

Schwer nachvollziehbar

Informelle Kompetenzen, sagen die Experten der AQ Austria, können in zwei Phasen stärker berücksichtigt werden: einerseits bei der Zulassung zum Studium, andererseits bei der Anrechnung für den Studienfortschritt. Um eine Anerkennung zu beschleunigen, müssten die Hochschulen vergleichbare Standards entwickeln.

Was deren Vertreter davon halten? Grundsätzlich sei es wünschenswert, nonformale Kenntnisse stärker zu berücksichtigen. Auch was alternative Zugänge zum Studium wie die Studienberechtigungsprüfungen betrifft, sagt etwa Elisabeth Fiorioli, Generalsekretärin der Universitätenkonferenz (Uniko). "Eine Schwierigkeit ist allerdings, Kenntnisse, die nonformal oder informell außerhalb der Universität erworben wurden, auch nachzuvollziehen."

Dennoch gebe man bereits jetzt Studierenden die Möglichkeit, außerhalb des Studiums erworbene Kenntnisse anzurechnen. Ein Beispiel sind wissenschaftliche Tätigkeiten in Betrieben und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Auch Auslandssemester oder die Tätigkeit als Studienvertreter zählen.

Pro Fall entscheiden

Praktika können an manchen Unis, beispielsweise der Medizinischen Universität Graz, für das Studium anerkannt werden. "Aber nicht alle Tätigkeiten sind so eindeutig einschätzbar, was die dabei erworbenen Kenntnisse betrifft", sagt Fiorioli. "Hat jemand drei Jahre in Spanien gelebt, spricht er dann automatisch auf Niveau C1?" Die Herausforderung also: nachvollziehbar festzustellen, was jemand zum Beispiel bei einem Auslandsaufenthalt oder beim freiwilligen Engagement tatsächlich gelernt hat.

Dafür einheitliche, standardisierte Verfahren zu entwickeln hält Fiorioli für notwendig, aber schwierig. "Wenn zum Beispiel zwei kommen, die eine Weltreise gemacht haben, wie vergleicht man die?" Es müsse daher weiterhin von Fall zu Fall, idealerweise von den jeweiligen Studienprogrammleitungen, entschieden werden, was für das Studium relevant ist. Um dafür mehr Zeit aufwenden zu können, "brauchte man auch mehr Ressourcen", sagt Fiorioli zum STANDARD.

Die Weltreise anrechnen?

Dass man Anrechnungsverfahren nur mit mehr Personal und damit mehr Geld weiterentwickeln könne, sagt auch Helmut Holzinger, Präsident der Fachhochschulkonferenz (FHK). "Schließlich muss jede Qualifikation validiert werden." Aktuell sei beim Aufnahmeverfahren für Personen mit Lehrabschluss, berufsbildender mittlerer Schule oder bestimmten informellen Kenntnissen ein gewisser Anteil an Plätzen reserviert. Die Berufspraxis erspart einem gegebenenfalls auch einzelne Lehrveranstaltungen, informelle Kenntnisse ebenso, "wenn der Outcome identisch ist".

Ob er sich vorstellen könne, auch Weltreisen anzuerkennen? "Wenn der Student sie genutzt hat, um besonders faszinierende Badestrände kennenzulernen, wird das nicht funktionieren", sagt Holzinger. Auch der FHK-Präsident sagt, dass man hier "keinen generellen Maßstab anlegen" könne. (Lisa Breit, 13.3.2017)