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Wie Magic Mushrooms gegen Depressionen wirken könnten

21. April 2017, 10:00

Früher haben Hippies mit halluzinogenen Pilzen experimentiert, heute passiert das im Dienste der Wissenschaft – ein Wundermittel dürfe man nicht erwarten, warnt ein Experte

Bei halluzinogenen Pilzen, besser bekannt unter dem Namen Magic Mushrooms, denken viele an Hippies, die gern damit experimentierten. Doch immer öfter wird davon auch in einem anderen Zusammenhang gesprochen: Einige kleine Studien – darunter eine vor einigen Monaten publizierte Studie der Johns Hopkins University in Baltimore – legen nahe, dass die Schwammerln gegen Depressionen wirken könnten, konkret die darin enthaltene Substanz Psilocybin.

Bei der Studie wurden 51 Krebspatienten, die unter Todesängsten und Depressionen litten, eine kleine Menge dieses Stoffes verabreicht. Diese haben sich daraufhin bis zu sechs Monate lang besser und zuversichtlicher gefühlt, ihre Lebensqualität hat sich laut Studienautoren erhöht.

Ergebnisse, die Kurosch Yazdi, Vorstand der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin des Kepler-Universitätsklinikums in Linz, "spannend" findet. Von einer "Wunderwaffe gegen Depressionen", wie es in Medienberichten dazu hieß, will er aber nicht sprechen: "Wir Psychiater wissen: Für jedes Medikament gibt es Studien, die angeblich aufsehenerregend sind. Aber oft schaut man sich dann die Placebo-Zahlen an und kommt darauf: Hoppala, bei denen gab es ja auch super Ergebnisse."

"Spirituelle Erfahrungen"

Und noch etwas betont Yazdi: "Das Verabreichen von Psilocybin war nur eine von mehreren Maßnahmen, mit denen die Testpersonen behandelt wurden." Die Probanden seien nämlich auch psychologisch umfassend betreut worden. Was genau also zur nachhaltigen Verbesserung des Wohlbefindens geführt hat, sei nicht auf einen einzigen Faktor zurückzuführen.

Grundsätzlich bewirkt das Psilocybin, dass im Belohnungssystem des Gehirns Dopamin ausgestoßen wird, genau wie bei vielen anderen Drogen auch. Probanden berichteten im Zusammenhang mit dem Psilocybin, das ihnen in Pillenform verabreicht wurde, von "mystischen" Erfahrungen nach der Einnahme.

"Aber diese Substanz wirkt nur kurzfristig", sagt Yazdi. Und nicht monatelang. Von einer solchen langfristigen Veränderung berichtete ein Forscherteam rund um Roland R. Griffiths von der Johns-Hopkins-Universität aber schon 2011: Damals wurde erforscht, dass die Einnahme des Stoffes die Persönlichkeit von Menschen über Monate hinweg verändern könnte, indem sie diese beispielsweise offener macht.

Für Yazdi geht es um die Grenzerfahrung und den damit einhergehenden Perspektivenwechsel, der Menschen dauerhaft verändert und optimistischer macht – und nicht um die eingesetzten Drogen: "Manchmal ist es einfach wichtig, Menschen aus ihrem depressiven Alltag zu reißen und ihnen eine neue Perspektive zu geben." Einen ähnlichen Effekt könne man auch mit Bungee-Jumping erreichen, ist er überzeugt. Und auch in der Psychotherapie werde mitunter darauf gesetzt.

Kehrseite der Medaille

Was fehlt, sind größer angelegte Studien zu dem Thema. Bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren haben sich Forscher mit Magic Mushrooms beschäftigt. Als diese aber zunehmend illegal wurden, kam die Substanz auch in der Forschung in Verruf. Es sei nun aber an der Zeit, "zurück in die Zukunft zu gehen", hieß es dazu im Editorial der Dezemberausgabe des "Journal of Psychopharmacology", die sich dem Thema widmete.

Für Yazdi sind derzeit aber viele Fragen offen – etwa, wie die Substanz in der breiten Bevölkerung wirken würde. Denn auch wenn die Probanden das Psilocybin nur einmalig einnahmen – und die Studienautoren betonten, dass die Einnahme nur in kontrolliertem klinischem Setting erfolgen dürfe –, glaubt der Psychiater, dass Betroffene den Effekt replizieren wollen und dafür die Dosis nach und nach erhöhen würden.

Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: So wie alle Substanzen, die auf das Belohnungssystem wirken, macht auch der regelmäßige Konsum von Magic Mushrooms abhängig. Und wird Psilocybin in höheren Dosen konsumiert, kann es Psychosen auslösen. Das bedeutet, dass man Dinge sieht, hört und fühlt, die eigentlich gar nicht da sind. Für manche ist das auch mit Angst verbunden, ein "Horrortrip" also. Für viele endet dieser, wenn die Substanz nach vier bis sechs Stunden aufhört im Körper zu wirken.

Stoffwechselentgleisung im Gehirn

Aber nicht für alle: Denn wer die Veranlagung zu Psychosen hat, der könne seinem Gehirn dauerhaft Schaden zufügen, warnt Yazdi. "Auf einem Trip hängenbleiben" sagt man dazu umgangssprachlich. "Das bedeutet, dass die Stoffwechselentgleisung im Dopaminsystem des Gehirns so gravierend war, dass es sich nicht mehr von selbst erholen kann", erklärt der Mediziner. Das sei zwar bei manchen medikamentös behandelbar, bei anderen aber nicht.

Und wirklich wissen würde am Ende eben niemand, ob er eine Veranlagung für Psychosen hat oder nicht, sagt Yazdi: "Es ist also ein bisschen wie Lotterie." (Franziska Zoidl, 21.4.2017)