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Swetlana Alexijewitsch: "Freiheit? Man dachte, sie kommt und das war's dann"

11. März 2017, 09:00

Ehemals eher ein Geheimtipp, ist die weißrussische Schriftstellerin spätestens seit ihrem Literaturnobelpreis auch international gefragt. Am 17. und 18. März ist sie bei "Literatur im Nebel"

STANDARD: Sie waren zuletzt häufig auf Lesereisen im Ausland. Nehmen Menschen, die nie in der Sowjetunion gelebt haben, Ihre Literatur anders wahr?

Alexijewitsch: Insgesamt gibt es doch sehr viele Ähnlichkeiten. In Kolumbien, wo ein Krieg mehr als 60 Jahre dauerte und erst kürzlich ein Waffenstillstand vereinbart wurde, saßen bei meinen Auftritten zwischen 600 und 800 Zuhörer in den Sälen. Als ich aus dem Buch Zinkjungen las, das sich mit sowjetischen Soldaten im Afghanistankrieg beschäftigt, haben Menschen geweint. Die Erfahrungen des von mir beschriebenen Krieges waren für sie absolut verständlich.

STANDARD: Können Sie noch ein Beispiel geben?

Alexijewitsch: In den USA, wo 2016 Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus erschien, gab es Interesse an der Frage, was mit Russland los ist, wo die Bevölkerung die Freiheit zunächst bekommen hat und sie sich dann wieder hat nehmen lassen. In US-Zeitungen waren zwar propagandistische Artikel über Putin zu lesen, aber was mit den Menschen wirklich passiert ist, blieb für viele Amerikaner unklar. Nach der Lektüre von Secondhand-Zeit hätten sie dies jedoch verstanden, erzählten sie mir. Der "rote Mensch" ist gleichzeitig wunderbar und furchtbar. Der Glaube an die rote Utopie ist auch mit der Bereitschaft verbunden, Blut zu vergießen. Auch wusste in der sowjetischen Zeit niemand, was Freiheit bedeutet. Man dachte, sie kommt und das war's dann.

STANDARD: Woher kommt es, dass in Weißrussland eine so eindrucksvolle dokumentarisch-humanistische Prosa entstanden ist?

Alexijewitsch: Für uns war der Zweite Weltkrieg besonders schrecklich. Jeder vierte Einwohner starb, so viele Menschen wurden für ihr Leben gezeichnet. Wir sind mit diesem Schmerz und mit dieser Erinnerung aufgewachsen. Sicher, auch in der russischen Literatur gab es eine gewisse Tradition für derartige Prosa, freilich nicht ganz so wie bei mir. Im Ersten Weltkrieg hat etwa die Schriftstellerin Sofja Fedortschenko versucht, Gespräche von Menschen festzuhalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat mein Lehrer, der weißrussische Schriftsteller Ales Adamowitsch, mit Koautoren das Buch über die Blockade von Leningrad (1941-1943, Anm.) und Ich komme aus dem Feuerdorf geschrieben. Mit einem traditionellen Roman wäre es nicht möglich gewesen, diesen Schmerz zu erfassen, all das Furchtbare, das diese Menschen durchlebten. Und weil diese einfachen Zeugen die Hauptfiguren in unserem Leben waren, bedurfte es auch einer Literatur, in der sie zur Hauptfigur avancierten.

STANDARD: Wie sehen Sie die Entwicklungen im postsowjetischen Raum seit der Annexion der Krim und dem Krieg im Osten der Ukraine?

Alexijewitsch: Für meine Generation ist das eine Katastrophe. Wir haben an die Perestrojka geglaubt und daran, dass wir eine normale Gesellschaft aufbauen können und damit Teil der großen Welt werden. Aber es hat sich herausgestellt, dass das nicht gelungen ist und wir nun erneut in die Vergangenheit abgleiten. Alle, die wir demokratisch gesinnt sind, leben mit dem Gefühl einer Niederlage. Das heißt zwar nicht, dass wir schon verzweifelt wären. Es ist aber klar, dass der Weg zur Freiheit sehr lange sein wird.

STANDARD: Wie sehen Sie die Zuspitzung im Verhältnis zwischen Minsk und Moskau, die zuletzt in Weißrussland zu beobachten war?

Alexijewitsch: Wir haben immer auf Kosten Russlands gelebt, und es gab nie jenes weißrussische Wirtschaftswunder, von dem Weißrusslands Präsident Aleksandr Lukaschenko sprach. Wir haben uns nicht weiterentwickelt, und es gab eine eigenartige Mischung von Sozialismus und etwas, das man nicht einmal als Kapitalismus bezeichnen kann. Das ist jetzt vorbei. Russland hat gesehen, dass Lukaschenko nun Richtung Westen strebt. Das gefällt Moskau nicht, und es will ihn bestrafen und zeigen, wer im Haus das Sagen hat. Die wirtschaftliche Lage ist sehr angespannt, die Gehälter sind sehr niedrig, die Regierung versucht, alles mit Steuern zu belegen. Gegen jene für "Parasitentum" wird nun demonstriert.

STANDARD: Parasitensteuern?

Alexijewitsch: Es ist ein Albtraum: Wenn eine Frau zwei kleine Kinder hat, der Mann arbeitet, sie aber bleibt bei ihnen zu Hause, dann gilt sie nun als "Parasit" und muss Steuern zahlen. Das ist natürlich alles sehr absurd, gleichzeitig aber auch gefährlich. Denn in Weißrussland gibt es Ängste, dass Putin das Land wie die Krim annektieren könnte. Weißrussland zu verlieren wäre für Russland sehr gefährlich, das ist die Straßenverbindung nach Europa.

STANDARD: Haben Sie angesichts Ihrer vielen Reisen noch Zeit zum Schreiben?

Alexijewitsch: Ich versuche es. Ich arbeite an zwei Büchern, die nichts mehr mit meinem abgeschlossenen Zyklus über das rote Imperium zu tun haben. Es handelt sich einerseits um ein Buch mit Erzählungen von Männern und Frauen, darüber, weshalb wir es nicht schaffen, glücklich zu sein. Sowie um ein Buch über das Alter und den Tod. Darüber, dass Menschen dank der Zivilisation 20 bis 25 Jahre länger leben und was sie damit nun anfangen. Wann das erscheint, weiß ich nicht. Ich arbeite sehr lange an meinen Büchern. (Herwig G. Höller, 11.3.2017)

Swetlana Alexijewitsch, geboren 1948 in der Ukraine und aufgewachsen in Weißrussland, begann ihre Karriere als Reporterin. Seit 30 Jahren schreibt sie dokumentarische Romane, u. a. wurde sie dafür 2015 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Die Autorin ist Ehrengast der diesjährigen Ausgabe von Literatur im Nebel in Heidenreichstein (NÖ). Am 17. und 18. März werden jeweils ab 17 Uhr Schauspieler und Schriftsteller sowie die Nobelpreisträgerin selbst aus Alexijewitschs Schlüsselwerken lesen und Gespräche führen.