Ukraine will russische Song-Contest-Vertreterin nicht einreisen lassen

Julia Samoilowa ist 2015 auf der von Russland annektierten Krim aufgetreten. Das könnte ihr jetzt zum Verhängnis werden

Im Jahr 2014 sang Julia Samoilowa bei der Eröffnung der Paralympics in Sotschi.

foto: ap/ekaterina lyzlova

Kiew/Wien – Beim diesjährigen Eurovision Song Contest (ESC) in der Ukraine könnte auf die Sängerin des russischen Beitrags, Julia Samoilowa, ein Auftrittsverbot zukommen. Erst am Sonntagabend hatte der halbstaatliche russische TV-Sender Perwy Kanal mitgeteilt, dass die Rollstuhlfahrerin für den Wettbewerb in Kiew im Mai mit dem Lied "Flame Is Burning" ins Rennen gehe.

Am Montag leitete der ukrainische Geheimdienst prompt die Überprüfung eines früheren Auftritts der 27-Jährigen auf der Krim ein, wie die Pressesprecherin Jelena Gitlanskaja am Montag auf Facebook schrieb. Die Sängerin war im Juni 2015 in der Stadt Kertsch auf der ukrainischen Halbinsel aufgetreten, die von Russland im Jahr 2014 annektiert worden war.

Einreisesperre droht

Reisen auf die Krim über Russland sind seit der Annexion aber von ukrainischer Seite verboten und werden mit einer mehrjährigen Einreisesperre geahndet. Der ESC an sich ist eigentlich erklärt unpolitisch.

Sollte Samoilowa nicht über das ukrainische Festland eingereist sein, könnte das eine Teilnahme beim ESC im Mai verhindern. Kiew hat angekündigt, für den Wettbewerb keine Ausnahme zu machen. "Ich bin überzeugt, dass eben ein solches Einreiseverbot in nächster Zeit vom Geheimdienst der Ukraine verhängt werden muss und wird", schrieb der präsidentennahe Politologe Taras Beresowez bei Facebook.

Das sei die einzig richtige Entscheidung. Außenminister Pawel Klimkin sagte örtlichen Medien zufolge: "Ich meine, dass das Gesetz für alle gleich sein sollte. Russland betreibt schon viele Jahre Provokationen."

Peskow verteidigt Nominierung

Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte hingegen, dass die Nominierung der 27-Jährigen "keine politische Provokation" sei. Die Wahl habe nichts mit dem Auftritt Samoilowas auf der Krim zu tun. "Jeder (Russe) war schon irgendwann einmal auf der Krim, es gibt wohl kaum jemanden, der noch nicht dort war."

Samoilowa leidet an einer seltenen Erkrankung des Rückenmarks, seit ihrer Kindheit sitzt sie im Rollstuhl. Sie wurde 2013 als Teilnehmerin an der russischen Talenteshow "Faktor A" bekannt und sang bei der Eröffnung der Paralympischen Winterspiele in Sotschi 2014. Betreut wird sie von Alla Pugatschowa, laut "Süddeutscher Zeitung" ein "weiblicher Ralph Siegel".

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Einige Kritiker gehen davon, dass Russland mit der Teilnahme der behinderten Sängerin ein schlechtes Abschneiden im ESC zu verhindern versuche. "Ich werde das Gefühl nicht los, dass das Mädchen zu politischen Zwecken verwendet wird", schrieb der bekannte Blogger Ilja Warlamow. Es gehe den Veranstaltern nicht darum, ein gutes Lied zu präsentieren, sondern um jeden Preis "die Ukrainer zu schlagen".

Zuerst hatte es Spekulationen über Russlands Teilnahme am diesjährigen Musikwettbewerb gegeben. Abgeordnete hatten einen Boykott des Events in Kiew gefordert. In der Ostukraine herrschen seit Jahren kriegsartige Zustände. Weil Russland die Separatisten unterstützt, stehen sich beide Länder feindlich gegenüber. Der ukrainische Geheimdienst SBU belegte zudem viele russische Künstler mit einem Auftrittsverbot.

2016 siegte die Krimtatarin Jamala mit dem Lied "1944" für die Ukraine. Er erinnert an die Deportation ihres Volkes von der Krim. Viele werteten das Lied als Provokation gegen Moskau; viele Russen waren empört, dass die Ukraine mit einem ihrer Ansicht nach politisch motivierten Lied gewinnen konnte. Texte, Ansprachen und Gesten politischer Natur sind während des Contests eigentlich untersagt. Das gilt ebenso für die Texte wie für die Bühnenshow. (red, APA, dpa, 14.3.2017)

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