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Die vernachlässigte Rolle von Gefühlen in der Politik

21. März 2017, 06:00

Emotionen wurden in der Politik lange abgetan – zu Unrecht, sagt der deutsche Politikwissenschafter Gary Schaal

Dürnstein – "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten." So versuchte im vergangenen Jahr die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel in Worte zu fassen, was in den westlichen Gesellschaften gerade geschieht: Der Irrationalismus floriert und schlägt zunehmend politische Wurzeln, wie etwa der Brexit oder die Wahl Donald Trumps zeigen. Der Erfolg der Populisten rührt auch daher, dass immer mehr Menschen, mit ihrem Bauch statt ihrem Kopf denken. Anstatt auf Tatsachen verlässt man sich lieber auf das eigene Gefühl. Wie aber lässt sich Realpolitik machen, wenn es keinen Konsens über die Realität mehr gibt und zunehmend Emotionen den gesellschaftlichen Diskurs bestimmen?

Diese Frage stellte sich der Politikwissenschafter Gary S. Schaal auf dem von der Forschungs- und Bildungsgesellschaft des Landes Niederösterreich veranstalten Symposion Dürnstein. In seinem Vortrag mit dem Titel "Demokratische Politik zwischen Emotionen und Fakten" am 10. März setzte sich der Forscher von der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg mit der Frage auseinander, wie eine seriöse auf Fakten basierende Politik Emotionen produktiv integrieren kann, ohne populistisch zu agieren. "Bereits in den 1990ern habe ich bemerkt, dass in der Theorie wenig darüber nachgedacht wurde, wie Gefühle die politische Realität beeinflussen", sagt Schaal.

Leerstelle mit Tradition

Der Wissenschafter zeigte auf, dass diese Leerstelle eine lange Tradition hat: Politische Denker – insbesondere Vertreter des klassischen Liberalismus – beäugten Emotionen meist argwöhnisch als Gegenstück zum vernünftigen Denken. Emotionen wurden als Ausdruck der entfesselten Masse verstanden und nicht als Element der politischen Bewusstseinsbildung. Diese Annahme ist laut Schaal ein Fehler: "Politik muss nicht nur rationale Interessen der Bürger berücksichtigen, sondern auch Emotionen. Zu negieren, dass Bürger Ängste haben, wäre schlechte demokratische Politik. Damit entfremdet man die Menschen von der Politik noch mehr."

Ohnehin seien Gefühle ein zentraler Bestandteil der Politik: "Demokratisch legitimierte Politik besitzt nicht nur das Recht, den Bürgern durch Gesetze vorzuschreiben, was sie tun sollen, sondern beeinflusst auch de facto, was sie emotional begehren oder fürchten", sagt Schaal. Insbesondere von radikalen Kräften wurde immer auch durch das Spiel mit der Angst Politik gemacht, jedoch habe sich in der jüngeren Vergangenheit etwas verschoben: Früher wurden die Fakten emotional verdreht, heute seien die Gefühle bereits selbst die Fakten, mit denen man argumentiert. "Das ist eine neue Strategie, mit der man sich gegen jede Kritik immunisiert."

Gefährliche Filterblasen

Emotionen seien von der Politik zu lange vernachlässigt worden, weshalb man immer noch kein theoretisches und politisches Handwerkszeug besitze, wie man mit Gefühlen richtig umgehen solle. Das sei gefährlich, da diese Empfindungen sich gerade im Zuge der Digitalisierung nun in zahlreichen Filterblasen schnell radikalisierten und sich gegen das politische System richten: "Wie schnell Vertrauen in Misstrauen oder offene Verachtung umschlagen kann, verdeutlicht nicht nur der Blick in die USA, sondern auch die Konjunktur des Begriffs 'Lügenpresse'."

Schaal rät: "Das Gefühlsmanagement darf nicht den radikalen Parteien überlassen werden. Aber man sollte prüfen, welche Emotionen man in den politischen Prozess integriert und welche nicht." Haben Politiker die Gefühle der Bürger einmal akzeptiert, müssten sie diese analysieren und der Bevölkerung ein Narrativ anbieten, wie man gedenkt, auf diese Sorgen einzugehen. So eine Erzählung habe zum Beispiel während der Finanzkrise oder der aktuellen Flüchtlingssituation gefehlt. (Johannes Lau, 21.3.2017)