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Gelassenheit lässt sich lernen

16. März 2017, 07:00

Wie gelingt es, sich abzugrenzen? Die Schlüsselfaktoren lauten: Selbstvertrauen, Zuversicht und Distanz

Stress ist Umfragen zufolge der Belastungsfaktor Nummer eins. Dafür sorgen sowohl rigide Vorgaben als auch hohe Erwartungen an sich selbst. Dem Stress aus dem Weg zu gehen scheint schier unmöglich – die positive Nachricht: Man kann lernen, damit umzugehen. "Probier's mal mit Gemütlichkeit", rät schon der Bär Balu im Animationsfilm "Das Dschungelbuch". Wie man sich besser abgrenzen kann, wollen zahlreiche Ratgeber und Seminare vermitteln. Tausende versuchen durch Achtsamkeitsmethoden wie Meditation runterzukommen. Der angestrebte Seinszustand heißt: Gelassenheit.

Die deutsche Philosophin Ina Schmidt definiert sie als "eine Haltung, die sich im Tun zeigt", eine Praxis, die Menschen benötigen, um in turbulenten Zeiten ruhig zu bleiben. "Gelassenheit zeigt sich schon, wenn man etwa morgens im dichten Verkehr an einer Ampel warten muss und dennoch den Tag mit seinen Aufgaben in Ruhe auf sich zukommen lassen kann."

Eine gelassene Haltung hat einige mehr Vorteile: Sie bändigt das Gefühl der Hilflosigkeit, die der Stress auslöst. Sie verhilft einem zu neuer Handlungsfähigkeit. Studien zeigen, dass gelassene Menschen gesünder sind. Sie grübeln seltener, sind insgesamt zufriedener mit ihrem Leben. Nicht zuletzt sind sie auch erfolgreicher. "Der Gelassene nutzt seine Chancen besser als der Getriebene", sagte der US-Schriftsteller Thornton Wilder. Aber wie lässt sich das trainieren?

Auf Abstand gehen

Der erste wichtige Schritt sei, sich selbst kennenzulernen, sagte Schmidt dem Magazin "Spiegel Wissen". "Auszusteigen und nach Australien zu gehen, das ist gewiss nicht für jeden das Richtige." Jeder solle sich die Frage stellen, was ihm im Alltag wirklich wichtig ist, was er leisten kann und will.

Entscheidend also: zeitweise auf Distanz zu gehen – zu den eigenen Ansprüchen, zu jenen der anderen. Gelassenheit meint auch, Gelerntes und Gewusstes immer wieder zu hinterfragen und den Referenzrahmen zurechtzurücken. Der Eindruck, seine Arbeit nicht gut zu machen, kann ein ganz subjektiver sein. Dinge, die man nicht ändern kann, anzunehmen, erleichtert das Leben ebenfalls deutlich.

Für beides – Abstand gewinnen und Loslassen – braucht es Auszeiten, "Momente der Muße", wie Schmidt sie nennt. Die Wirksamkeit eines klassischen Wellnesswochenendes stellt die Philosophin jedoch infrage: "Natürlich kann man in der Sauna auftanken." Aber zu häufig werde Gelassenheit mit Entspannung verwechselt. "Am Pool abzuhängen schafft nicht unbedingt Gelassenheit dort, wo sie am meisten gefragt ist: im Alltag." Dort halte sie idealerweise längerfristig an, überdauert auch die ersten Wochen im Büro.

Letztendlich setzt Gelassenheit ein gutes Selbstvertrauen voraus. Wer selbstbestimmt Nein sagen kann, dem fällt Abgrenzung leichter. Er ist sich seiner Stärken und Fähigkeiten bewusst und hat aus der Vergangenheit gelernt, dass er mit den meisten Problemen fertigwerden kann – wieso sollte das in der Zukunft nicht weiterhin so sein? Gelassenheit bedeutet also auch Zuversicht.

Einige Sofortmaßnahmen

Auf sich selbst vertrauen, zuversichtlich sein, regelmäßig auf Distanz gehen – um all das zu lernen, braucht es selbstverständlich Zeit. Kurzfristig ist Sport ein Mittel für mehr Gelassenheit. Dem Gesundheitspsychologen Thomas Frankenbach zufolge können beispielsweise Surfen und Skaten einem helfen, gelassener zu werden. Yoga lenkt die Gedanken ebenfalls auf das Hier und Jetzt.

Es gibt auch Sofortmaßnahmen: Atemübungen (dabei die Augen schließen und bis zehn zählen), Muskelrelaxation oder einfach Schweigen. Wenn Stress oder Versagensängste aufkommen, kann es zudem helfen, sich dessen bewusst zu werden – und die Gefühle "ziehen" zu lassen. So sind Kurzschlussreaktion vermeidbar. (Lisa Breit, 16.3.2017)