AP, Javier Galeano

Die Rätsel des sechsten Fingers

17. März 2017, 18:45

Vielfingrigkeit zählt zu den häufigsten Missbildungen und fasziniert Forscher seit langem. Das Phänomen wirft neues Licht auf ein Grundprinzip der Evolution

Wien – Die Missbildung kommt öfter vor, als man denken würde. Und auch Prominente sind davon betroffen, wie etwa die britische Schauspielerin Gemma Arterton, die als Bond-Girl bekannt wurde: Arterton kam – so wie ihr Vater und ihr Großvater – mit einem überzähligen kleinen Finger an jeder Hand auf die Welt, der ihr jedoch früh entfernt wurde.

Wissenschaftlich wird diese Anomalie als Polydaktylie (wörtlich übersetzt: Vielfingrigkeit) bezeichnet, und rund eines von 500 neugeborenen Babys weltweit ist davon betroffen, bei Afrikanern tritt sie öfter auf als bei Europäern, bei Männern öfter als bei Frauen. Handelt es sich um sechs Finger, spricht man streng genommen von einer Hexadaktylie, die auch die häufigste Form ist.

Interesse an überzähligen Fingern

Es gibt aber auch Fälle von noch mehr zusätzlichen Fingern und Zehen: Ein chinesischer Bub mit 15 Fingern und 16 Zehen dürfte der aktuelle Rekordhalter sein. Polydaktylie kommt auch im religiösen Kontext vor: In der Wallfahrtskirche in Maria Laach am Jauerling etwa wird ein Marienbild mit sechs Fingern verehrt. Und in der Kultzeichentrickserie "Die Simpsons" hat Gott fünf Finger, während die Normalsterblichen mit vier auskommen müssen.

Polydaktylie, die auch bei vielen Tieren vorkommt, hat Wissenschafter seit jeher fasziniert. Dabei standen aber immer wieder andere Aspekte im Vordergrund, wie die Biologen Axel Lange und Gerd B. Müller (Uni Wien) in einer umfangreichen neuen Studie im traditionsreichen Fachblatt "The Quarterly Review of Biology" rekonstruiert haben. Das Thema ist aber nicht nur wissenschaftshistorisch faszinierend: Nach wie vor erscheinen jährlich hunderte Fachartikel über die überzähligen Finger.

Eine Frage der Vererbung und der Evolution

Bereits die alten Assyrer beschäftigten sich mit Polydaktylie, wie Lange und Müller zeigen; in der griechischen Antike waren es dann Aristoteles, Plinius und Galen. Biologiehistorisch richtig interessant wurde es dann aber erst ab dem 18. Jahrhundert: Der französische Forscher Pierre-Louis Moreau de Maupertuis etwa belegte 1751 als erster die Erblichkeit der Polydaktylie und lieferte damit einen frühen Beitrag zur Vererbungsforschung.

Auch Charles Darwin befasste sich Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Phänomen, ohne schlau daraus zu werden. Polydaktylie steht nämlich im Widerspruch zu den behaupteten graduellen Merkmalsveränderungen in der Evolutionstheorie. Für den britischen Biologen William Bateson (1861-1926), der den Begriff Genetik begründete, wies die Neubildung von zusätzlichen Fingern hingegen darauf hin, dass es in der Evolution allem Anschein nach auch zu diskontinuierlichen, also sprunghaften Merkmalsänderungen kommen kann.

Kritik am Gradualismus

Dieser Position sind auch Lange und Müller nicht abgeneigt: Für die beiden Kritiker der heute gültigen Synthetischen Evolutionstheorie stellt die Anomalie einen Hinweis darauf dar, wie komplette phänotypische Innovationen sprunghaft entstehen können.

Schließlich ist das Phänomen aber noch genetisch faszinierend: Es entsteht in den meisten Fällen nicht durch eine Genmutation, sondern durch Mutation in einem cis-Element, das für die Steuerung der Expression eines bestimmten Gens zuständig ist. Das liegt in einem Bereich der DNA, den man lange für unnötig hielt und deshalb als "Müll-DNA" bezeichnete. (Klaus Taschwer, 17.3.2017)