Sturm und Klang

19. März 2017, 16:33

Die Philharmoniker, Andrís Nelsons und Tamás Varga

Wien – Kunst wurde von der Menschheit irgendwann einmal erfunden, um das Schöne zu feiern und das Schreckliche erträglich, ja schön zu machen. Wer am Samstagnachmittag zum sechsten Philharmonischen Abonnementkonzert aufbrach, wurde von einem Sturm gebeutelt und erfuhr so am eigenen Leib, dass sich sogar das sanfteste der vier Elemente in der Realität in eine lebensgefährdende Rage hineinsteigern kann.

Im Großen Musikvereinssaal wurde der Konzertbesucher dann wieder mit einem Sturm konfrontiert: mit jenem des vierten Satzes von Beethovens Pastorale. Dirigent Andrís Nelsons wachelte hier zwar wild mit seinen Armen, entfachte aber doch eher handzahme, vorherhörbare Kunstgewalten. Was wohl der derzeit Aufregendste der Dirigentenzunft, Teodor Currentzis, hier für Tumulte entfesselt hätte?

Radikal kam nicht

Gleich zu Beginn von Beethovens sechster Symphonie schien die Interpretation des gebürtigen Letten in Richtung Currentzis zu tendieren: Nach einem samtig-weichen Beginn dynamisierte Nelsons das Orchester gleich beim ersten kleinen Crescendo drastisch, und man stellte sich auf eine radikale, aufgeputschte Deutung ein, die dann so nicht kommen sollte. Der freundliche 38-Jährige betätigte sich jedoch als umsichtiger, präziser, lustvoller Landschaftsmaler.

Im ersten Teil des Konzerts spielte Tamás Varga Dvoráks Cellokonzert. Den Dienstältesten der drei ungarischen Solocellisten der Philharmoniker erlebt man in seiner alltäglichen Funktion als Stimmführer der Cellogruppe oft als zurückhaltenden Musiker. Als Solist gelang Varga eine intensive, gewissenhafte und nuancierte Interpretation bar jeden reißerischen oder schwülstigen Inputs, eine Interpretation, die die große Bandbreite dieses wundervollen Stücks zur Gänze aufzeigte.

Wärme und Innigkeit

Varga wirkte auch kein bisschen nervös, sondern einfach nur glücklich, Dvoráks Meisterwerk im Kreise seiner Kollegen spielen zu dürfen. Die eindrücklichsten Momente gelangen ihm bei den ruhigen, lyrischen Passagen des Werks, etwa beim mit Wärme und Innigkeit vorgetragenen Seitenthema des Kopfsatzes, oder bei der verlangsamten, leisen Variation des ersten Themas in der Durchführung. Begeisterung für den Solisten, der sich mit einer braven Bach-Petitesse verabschiedete. (Stefan Ender, 19.3.2017)